„Das Thema Wissens- und Technologietransfer wird derzeit auf EU- und OECD-Ebene intensiv diskutiert“, sagt MMag. Andreas Schibany von der Forschungsgesellschaft Joanneum Research. Der Wirtschaftswissenschaftler und Experte für Forschung und Technologie beschreibt die Entwicklung der heimischen F&E-Investitionsquote, die in Österreich im Zentrum der aktuellen Debatten steht, als „außergewöhnlich gut“.
Der Katalysator EU-Beitritt
„Österreich und Dänemark haben hier seit Mitte der 90er Jahre die beeindruckendste Entwicklung hingelegt. Der absolute High-Flyer in dieser Hinsicht ist zwar Finnland, doch steigt in diesem Land die Quote derzeit nicht mehr. Und Irland verfügt beispielsweise über ein sehr hohes Wirtschaftswachstum, was zur Folge hatte, dass die Forschungsquote sank. Dies geschah jedoch nur, weil eben die gesamten Forschungsaufwendungen nicht im gleichen Ausmaß wuchsen wie das rasant wachsende BIP — das Schicksal jeder Quote“, so Schibany.
Seit Mitte der 90er Jahre ist eine deutliche Steigerung der gesamten F&E-Aufwendungen zu beobachten — zeitgleich einsetzend mit dem EU-Beitritt Österreichs. Das von dieser Dekade an bis heute vieldiskutierte sogenannte „Wachstumsparadoxon Österreichs“ beginnt sich langsam aufzulösen, meint der Wirtschaftswissenschaftler. „Offensichtlich bietet die österreichische Industriestruktur in Verein mit industriellem Strukturwandel und F&E-Potential im Dienstleistungssektor genügend Potential für hohe F&E-Quoten.“ Dessen ungeachtet werde die Diskussion in Österreich noch stark im Stile einer Catching-Up-Diktion geführt, obwohl der Aufhol-Prozess bereits abgeschlossen sei. „Österreich liegt bei wichtigen forschungsrelevanten Indikatoren bereits deutlich über dem EU-15-Schnitt.“
2,8 anstatt 3
Schibany zufolge ist das unter dem Namen Lissabon-Prozess bekannte EU-Ziel, bis zum Jahr 2010 eine Forschungsquote von drei Prozent des BIP zu erreichen, nicht schaffbar. Auch für Österreich scheint eine Forschungsquote von drei Prozent im Jahre 2010 — trotz der beeindruckenden Entwicklung innerhalb der letzten Jahre — kaum realistisch. „Wenn jeder der drei für dieses Wachstum maßgeblichen Sektoren — Bund und Länder; Unternehmen; Mittel aus dem Ausland, die in Österreich ‚verforscht’ werden — die Steigerungsraten der letzten Jahre aufrechterhält, dann können wir auf einen Wert von 2,8 Prozent kommen. Das ist ein schwer zu erreichendes, aber doch mögliches Ziel und durchaus als Herausforderung anzusehen.“
Die Leistung des Marktes
Bei den für die F&E-Entwicklung maßgeblichen Sektoren liegt der Anteil von Bund und Ländern bei 35 Prozent, der Unternehmenssektor macht jedoch 45 Prozent aus. Die treibende Kraft im Bereich Innovation stellt also die Privatwirtschaft dar. „Man kann daher nicht sagen, dass der Business- und Enterprise-Sektor zu wenig Geld ausgibt, was manchmal von Politik-Seite zu hören ist“, folgert Schibany. „Und der Firmensektor finanziert seine Forschungsaufwendungen im Wesentlichen aus firmeneigenen Mitteln.“
Ganz wenige leisten ganz viel
Ein genauerer Blick auf den privaten Sektor zeigt zudem, dass die 30 größten F&E-betreibenden Unternehmen in Österreich etwa 60 Prozent der gesamten unternehmensinternen F&E abdecken. Auf EU-Ebene sieht das Bild kaum anders aus: Die Top 25 leisten 61 Prozent der unternehmensinternen Forschungsarbeit. „Auf eine Handvoll Firmen entfallen nahezu zwei Drittel der gesamten unternehmensinternen F&E-Aufwendungen — das muss man sich vor Augen halten, wenn man staatliche F&E-Entwicklungspläne ausarbeitet“, so der Experte. „Diese großen Player müssen daher strategisch eingebunden werden, um etwas zu bewirken.“
Hat die Stunde der Exzellenz geschlagen?
Wieder und wieder war in den letzten Jahren zu hören, meint Schibany, dass die Politik ihr Hauptaugenmerk auf die Förderung von Exzellenz richten soll. Diesem Verdikt stellt er ein hinterfragendes „Ja — aber“ entgegen: „Der Bereich ‚Medium-High Tech’, das bezeichnet hochwertige Technologie, ist zwischen 1998 und 2002 am stärksten gewachsen, nicht etwa der Bereich ‚High Tech’, also die Spitzentechnologie. Da das Gros der Forschungsarbeit nicht on the top von statten geht, macht es wirtschaftlich auch keinen Sinn, sich ausschließlich darauf zu konzentrieren.“
Von den Legenden über das Allheilmittel F&E
Auch dem Glauben, dass ein direkter Zusammenhang zwischen F&E und Wirtschaftswachstum besteht, erklärt Schibany eine Absage. „Ja, da gibt es eine Verbindung, aber die ist nicht klar und eindeutig bestimmbar. Eine hohe F&E-Intensität lässt sich nicht linear in hohes Wachstum übersetzen, was etwa die japanische Wirtschaftskrise gezeigt hat, die erst in den letzten Jahren zu Ende gegangen ist. Makroökonomische Faktoren spielen auch eine Rolle. Zudem kann ich den Wert von gut ausgebildeten Leuten nicht messen. Und es gibt generell fast immer erhebliche Zeitverzögerungen zwischen wissenschaftlicher Entdeckung und einem neuem und marktfähigen Produkt. Deswegen kann Politik im Bereich Forschung, Technik und Innovation keine Konjunkturpolitik sein, sondern nur langfristige Wachstumspolitik.“
Wissensverlust, Wissensgewinn oder Wissensaustausch?
Einen klaren Trend, auf den die Politik zu reagieren habe, macht Schibany in der Internationalisierung von Forschung und Entwicklung aus. „2002 flossen über 900 Millionen Euro aus dem Ausland nach Österreich, und durchschnittlich beteiligen sich 13 Prozent ausländische Unternehmen an Kplus-Zentren. Österreichische Firmen verfolgen selbst ebenfalls Internationalisierungsbestrebungen.“ Für den Experten ist klar, dass „steigende Auslandsaktivitäten mit inländischen Forschungsaufwendungen parallel laufen“.
Das Thema Zu- oder Abwanderung von High-Potentials, die im F&E-Bereich arbeiten, sieht Schibany weniger als internationalen Brain-Drain-Brain-Gain-Wettstreit denn als Brain-Circulation-Bewegung. „Österreicher gehen ins Ausland, und es kommen Ausländer nach Österreich. Der Arbeitsmarkt wird immer offener. Und die Leute sind mobil.“
(Juni 2006.)