‚Brain Drain’-Wahrheiten und -Fehlwahrnehmungen

Dr. Sami Mahroum

„Es geht nicht um ein Gesamtbild – sondern um ein möglichst genaues Bild für jeden einzelnen Bereich“ - Experte im Gespräch mit brainpower austria

Dr. Sami Mahroum ist ein Experte für alle ‚Brain Drain’-, ‚Brain Gain’- und ‚Brain Circulation’-Debatten, wie immer man sie auch bezeichnen möchte. Sein Forschungsbereich bezieht alle Fragen von ‚Brain & Mobility’ mit ein – also das Beobachten von gut ausgebildeten Arbeitskräften, die von einem Land ins andere ziehen. In gewisser Weise bedeutet das auch Selbstbeobachtung. Bislang hat er in Großbritannien, den Niederlanden, Norwegen, Spanien und Kanada gelebt. Und jetzt in Österreich.

„Ich stamme aus dem Libanon und bin mein ganzes Leben lang gewissermaßen ein Einwanderer gewesen. 1998 habe ich für das Institute for Prospective Technological Studies in Sevilla in Spanien gearbeitet, das ist eine Forschungseinrichtung der Europäischen Kommission. Zu diesem Zeitpunkt bekam ich den Auftrag, die Kräfte zu untersuchen, die Menschen zu einem Ort hinziehen oder von einem Ort wegtreiben. Man interessierte sich sehr für meine Ergebnisse, und das war für mich ein Antrieb, in diesem Bereich weiter zu arbeiten. Da ich spürte, dass das ein Forschungsbereich von Bedeutung ist, wollte ich zu diesem Thema auch meinen PhD machen.“

Mahroum zufolge war Großbritannien das erste Land, das ein Phänomen ‚Brain Drain’ nannte, das schon immer existiert hat. Damit wird ein Ungleichgewicht bezeichnet, das zwischen der Anzahl von gut ausgebildeten Fachleuten besteht, die ein Land verlassen, und der Anzahl, die ins Land kommen. Die britischen Massenmedien – und bald alle Medien in ganz Europa – stellten in Artikeln und Debatten die Frage, ob zu viele Fachleute ihre Heimat verlassen, die zuvor viel Geld für ihre Ausbildung bereit gestellt hat. Heutzutage gelten hauptsächlich ForscherInnen und ExpertInnen als High Potentials.

„Diese Entwicklung hängt mit einer neuen Sichtweise auf die Wirtschaft zusammen. Im Verlauf der letzten 10 bis 15 Jahre haben sich die führenden Volkswirtschaften der Welt mehr und mehr zu ‘Knowledge-Based Economies’, also zu auf Wissen begründeten und von Wissen lebenden Volkswirtschaften entwickelt“, erklärt Mahroum. „In gewisser Weise stellt dies eine Anerkennung der Leistung des Denkvermögens dar.“ ExpertInnen mit Universitätsabschlüssen stehen nunmehr im Mittelpunkt – Menschen, die in der Lehre von komplexen Fachgebieten überzeugen, Menschen, deren Erfindungsgeist andere in den Schatten stellt, Menschen, die durch die Gründung von Start-Up-Unternehmen Erfolgsgeschichte schreiben. Und diese Entwicklung hat auch die Wahrnehmung von Wissenschaft verändert. Forschung wird nicht länger als etwas gesehen, das in irgendeinem Keller irgendeiner Universität bloß der Wissenschaft zuliebe betrieben wird, sondern als etwas, von dem wirtschaftlicher Erfolg abhängt – nämlich dem anderen immer einen Schritt voraus zu sein.

Wenn eine Knowledge-Based Economy vom ‚Brain Drain’ betroffen ist, dann muss eine andere davon profitieren, also im Zeichen des ‚Brain Gain’ stehen – jedenfalls scheint das eine logische Schlussfolgerung zu sein. Wenn die Sprache auf die Gewinner des Kampfes um die ‚best brains’ kommt, dann stehen die USA zumeist an erster Stelle. „Manche Länder dieser Welt sind aber, würde ich sagen, von Natur aus Einwanderungsländer. Sie bieten den Leuten, die ihre Heimat verlassen, Möglichkeiten und Chancen – wie sie es vor Hunderten von Jahren auch schon getan haben“, so Mahroum. Aus diesem Grund hält er ‚Brain Drain’ nicht unbedingt für die richtige Bezeichnung für das Verhältnis zu den USA.

„In diesem Punkt sind meine Ansichten wahrscheinlich kontrovers, aber ich glaube, dass es für viele einfach der billigere Weg ist, Möglichkeiten und Chancen für gut Ausgebildete anzubieten – hauptsächlich für WissenschaftlerInnen und ForscherInnen, und zwar, indem man sie anstellt. Natürlich wird es immer billiger sein, eine Wissenschaftlerin oder einen Wissenschaftler durch ein gutes Gehalt in die Firma oder an die Universität zu holen, als für ihre oder seine jahrelange Ausbildung zu bezahlen. Es kommt aber auch hinzu, dass die Vereinigten Staaten weitaus weniger WissenschaftlerInnen und TechnikerInnen ‚produzieren’ als Europa. Dort herrscht unter der Bevölkerung ein spürbares Desinteresse an diesen Berufssparten vor. Lediglich acht bis neun Prozent der gut ausgebildeten Leute in diesen beiden Disziplinen bekommen ihre Ausbildung im eigenen Land – in den USA. Der restliche Bedarf – und dieser ist sehr groß – muss mittels ‚Importen’ gedeckt werden.“ Gleichzeitig geben die USA aber mehr Geld im Forschungs- und Technologiebereich aus als andere Nationen, was ihre Universitäten attraktiver macht.

Mahroum betont, dass die Bände zwischen Wissenschaft und Wirtschaft stärker geworden sind. Deshalb ist es für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes von entscheidender Bedeutung, als attraktiver Standort für die Wissenschaft und Forschung wahrgenommen zu werden. Das bedeutet aber noch nicht, dass ‚Brain Drain’ in einem Land zu ‚Brain Gain’ in einem anderen führt oder führen muss – diese Erklärung greift das Problem oft nur unzureichend. „Es geht nicht um ein Gesamtbild – sondern um ein möglichst genaues Bild für jeden einzelnen Bereich, wenn man wirklich verstehen will, was für Entwicklungen stattfinden und wie attraktiv ein Land oder eine Region wirklich ist, um für die Zukunft bedeutsame Talente an sich zu binden“, rät der Experte.

„Die Biowissenschaften sind ein Bereich, der größte Aufmerksamkeit verdient – der ganze Gesundheits- und Bio-Sektor, und auch die Informations- und Kommunikationstechnologien. Diese Disziplinen gelten heutzutage als entscheidend für die Zukunft und Zukunftsfähigkeit eines Landes. Wenn ein Land wie Österreich zehn junge Leute verliert, die in diesen Bereichen arbeiten und forschen, dann muss man diese Anzahl deshalb als großen Verlust werten.“

(April 2006.)


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