„Die USA sind nicht besser als Österreich — sie sind anders“, sagte Florian Brody am 30.3.06 auf dem vom ftw (Forschungszentrum Telekommunikation Wien) zusammen mit brainpower austria organisierten Workshop „Fragmented Media Experiences versus Converging Communications“. „Ich glaube, man kann von den USA etwas lernen, und zwar die Bereitschaft, sich auf neue mediale Inhaltsformen einzulassen.“
Der österreichische Experte und Marketing-Leiter des kalifornischen Unternehmens A9, dessen Teilnahme am Workshop brainpower austria durch Vergabe eines Travel Grants ermöglichte, arbeitet seit 1984 in Wien und Los Angeles im Bereich digitale Medien. Aus Nordamerika brachte er vor vielen Jahren das erste CD-ROM-Laufwerk nach Österreich. Inzwischen wurden nicht nur die damals noch üblichen Disketten aus den Regalen genommen, auch die CD-ROMs gelten als Datenträger von gestern, weil es immer leichter wird, Informationen im Internet abzulegen. Jetzt hält Brody Blogs für bedeutsamer als Print-Medien.
Vielleicht verrückt, vielleicht visionär
Am 2. Februar 1995 ging die Tageszeitung Der Standard mit ihrer kompletten Printausgabe online. „Seid ihr wahnsinnig?“ wurde Gerlinde Hinterleitner damals gefragt, die zusammen mit ihrem Team das Blatt ins Netz hievte. Unverständnis schlug ihr entgegen: Wie kann man ein Produkt, das auf dem einen Sales Channel etwas kostet, auf einem anderen gratis verschleudern? Mittlerweile hat derStandard.at nicht nur mehr LeserInnen als sein Pendant auf Papier, die Internet-Version hat der realen Tageszeitung auch geholfen, mehr Abos zu verkaufen anstatt weniger.
„Erfolgreiche Zeitungen der Zukunft werden jene mit aktiven Lesern sein“, sagt Hinterleitner — und verweist darauf, dass bei der Online-Version des Standard von Anfang an die Möglichkeit gegeben war, seine Meinung zu einem Artikel zu äußern — eine Art Mini-Blog, als das Wort ‚Blog’ noch nicht existierte.
Das Neue vom Korsett des Alten befreien
Prof. Frank Kappe vom Institut für Informationssysteme und Computer-Medien der TU Graz sieht Blogs hingegen als Mode-Welle, die schon wieder im Abklingen ist. Trotzdem: Die Möglichkeit zur Interaktion beurteilt auch er als entscheidend auf den Märkten der Zukunft. Die ZuseherInnen, glaubt er etwa, werden und wollen bald Teil der Handlung einer Soap Opera werden. Erfolgreiche Firmen im Netz setzen generell zusehends auf das Bilden von sozialen Netzwerken, um Kunden an sich zu binden.
„Wenn ein neues Medium auf den Markt kommt“, so Kappe, „wird zunächst immer versucht, diesem die Form eines alten Mediums überzustülpen. Es kann Jahre dauern, bis sich endlich dem neuen Medium gemäße Formen der Kommunikation durchsetzen, die dieses neue Medium auch erst dann wirtschaftlich erfolgreich machen.“ Die Schwierigkeit bei der Aufgabe, Zukunft aus dem Jetzt heraus zu gestalten, besteht im kreativen, freien Blick auf die Dinge.
Nation (seriös, wohlhabend, ambitioniert) sucht Exzellenz
Das ftw ist ein erfolgreiches kplus-Zentrum, das sich nun im Rahmen der durch den Rat für Forschung und Entwicklung angestoßenen Exzellenzstrategie neu um Fördergelder bewerben muss — um als kneu-Zentrum anerkannt zu werden. Österreichs K-Zentren (kurz für Kompetenzzentren) sind darum bemüht, sich als Orte zu positionieren, die auf das setzen, was andere übersehen oder unterschätzen. So entsteht Exzellenz — die Fähigkeit, wie beim Schach dem anderen immer einen Schritt voraus zu sein.
Die Position, selber den Markt zu gestalten und nicht bloß einem bereits etablierten Trend hinterherzulaufen, entsteht im Reagenzglas, im Cyberspace, am Schreibtisch. Es kann überall auf der Welt passieren — und doch gibt es bestimmte Orte, an denen es bevorzugt geschieht. Wie etabliert und fördert man solche Orte?
Sicherer Nine-to-Five-Job vs. Frustration nachts um drei
Unter dem Motto „Exzellenz, Elite, Weltklasse: Was treibt Forschung auf die Spitze?“ tagte ebenfalls am 30.3.06 der club research in Wien. Der Soziologe Prof. Rogers Hollingsworth berichtete dabei aus seinem Spezialgebiet, dem er an der University of Wisconsin nachgeht — der Analyse von Einrichtungen, die außerordentliche Leistungen hervorbringen.
„Vielfalt, Kreativität und Exzellenz überschneiden sich“, berichtete Hollingsworth aus seinen Untersuchungsergebnissen, etwa im Feld der Biomedizin. „Die meisten kreativen Menschen sind Grenzgänger, sie erschließen sich mehrere Bereiche — ein Laborforscher spielt ein Instrument, wenn er versucht, über ein Problem nachzudenken, und so weiter. Wissenschaftliche Durchbrüche sind als ‚seltene Ereignisse’ zu begreifen, und deren Eintreten kann man fördern, indem man kreativen Menschen die für sie notwendige Autonomie und Unabhängigkeit verschafft.“
Exzellenz — das Hintersichlassen des Durchschnitts — ist ohne Mut zum Risiko nicht zu haben, dies zeigten beide Veranstaltungen. Mut zur Frustration, Bereitschaft zum kreativen Chaos, Offenheit für Fehler, die vielleicht aber doch schneller zum Ziel führen — all dies waren Beschreibungsversuche, die für das Fördern von Spitzenforschung und Innovation fielen. Standorte, an denen Außergewöhnliches geschieht, werden getragen von außergewöhnlichen Menschen. Und gesellschaftspolitische Visionen, die deren Arbeitsergebnisse in den Mittelpunkt rücken, müssen offen für deren Bedürfnisse und Herangehensweisen sein.
(Mai 2006.)