Erfindung sucht Markt

Erfindung sucht Markt

Eine Wiener Veranstaltung auf der Spur nach dem perfekten Bindeglied zwischen Wissenschaft und Wirtschaft

„Wir brauchen mehr Unternehmensgründungen im High-Tech-Bereich“, sagte Dr. Henrietta Egerth in ihrer Begrüßungsrede hoch über den Dächern Wiens. Die Geschäftsführerin der FFG nannte als zentrale Bedingung hierfür, die universitäre Forschung mit der Industrie besser zu verknüpfen.

Ein Nest voller Ideen

Fast 250 InteressentInnen kamen am 17. Mai in den Dachgeschoß-Räumlichkeiten des Millennium Event Centers zusammen, um sich zum Thema „Innovation goes Business“ inspirieren zu lassen. Veranstalter war inits, das universitäre Gründerservice Wien, wo derzeit 30 Start-up-Projekte in Betreuung sind. Das A plus B-Programm der FFG will ein Inkubator oder Starthelfer für die erfolgreiche Realisierung von Geschäftsideen sein.

Über innovative Ideen verfügen die Jungunternehmer im inits-Brutkasten zuhauf. Die VeranstaltungsteilnehmerInnen bekamen bei der Projekte-Präsentation ein Tool vorgeführt, das Entscheidungsprozesse visualisiert und transparent macht, ein Umblätter-Gerät für Musiknoten, eine Strukturhilfe für den Einkaufprozess von Unternehmen, eine Online-Lösung für den Verkauf von zurückgegebenen Leasing-Autos und „sexy products for silver agers“ — Dinge, die das Leben im hohen Alter erleichtern und trotzdem nicht wie typisches Krankenhaus-Inventar aussehen.

Je außergewöhnlicher die Idee, desto sperriger der Markt

In Inkubatoren werden die „businesses of the future“ für den Markt stark gemacht, betonte Prof. Robert D. Hisrich in seiner Keynote. Der Dozent an der US-amerikanischen Thunderbird School of International Management hat selber fünf international agierende Unternehmen gegründet. „What drives innovation?“ fragte er in seinem Vortrag und versuchte aus seiner Erfahrung heraus zu bestimmen, welche Kriterien ein universitäres Umfeld erfüllen muss, um für die StudentInnen erfolgreich Brücken zum Markt zu schlagen.

Hisrichs Untersuchungen haben ergeben, dass eine Innovation es umso schwerer hat, sich am Markt durchzusetzen, je gewagter oder ‚innovativer’ sie ist. Neuerungen, die oft nur Modifikationen von etwas Vorhandenem darstellen, werden von den Kunden leichter angenommen. Doch ein Produkt, das wirklich noch nie da war, muss erst bereits Vorhandenes von seinem Platz verstoßen, um sich selber durchzusetzen. „Solche Innovationen bergen zwar ein großes Potential in sich, aber ihr Wert ist gering, solange sie nicht effektiv auf den Markt gebracht werden.“

Von der Alma Mater zum Inkubator

Dass den Universitäten in diesem Bereich eine Schlüsselrolle zukommt, steht für Hisrich außer Frage. „Hier haben Sie Leute, die gute Ideen haben, und die auch dazu bereit sind, für die Verwirklichung ihrer Idee viel und unter ihrem eigentlichen Marktwert zu arbeiten.“ Um aus diesen jungen HoffnungsträgerInnen GründerInnen erfolgreicher Start-Ups zu machen, benötigen die Ausbildungsstätten seiner Auffassung nach eine Vielzahl von konkreten Angeboten für die Studierenden.

Wenn Hisrich die Qualität von Universitäten im Hinblick darauf evaluiert, wie sie Wege zum Markt ebnen, so sucht er nach dem Angebot an Lehrveranstaltungen zum Thema „Innovation & Creativity“, nach vorbereitenden Schulungen zur Leitung eines Unternehmens, nach Business-Plan-Wettbewerben, nach universitätseigenen Inkubator-Aktivitäten und Venture Funds, aber auch nach Innovationszentren, Technologieparks und so genannten „Technology Transfer Centers“. In diesen kommen Studierende, InvestorInnen und UnternehmerInnen zusammen, um die kommerzielle Realisierung von einzelnen Projekten konkret zu starten.

15 magere Jahre anstatt bloß sieben

DI Andreas Stingl, Geschäftsführer von Femtolasers, konnte in der anschließenden Diskussionsrunde über „Beispiele der erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Forschung und Wirtschaft“ einige von Hisrichs Thesen bestätigen. 1995 stand er als Spin-off-Gründer mit einem an der TU Wien entwickelten Technologie-Produkt da, für dessen Möglichkeiten es noch keinen Markt gab. Sein Laser, der im Femtosekundenbereich arbeitet (dem Millionstel einer Nanosekunde), entsprach ganz dem typischen „solution looking for a problem“-Szenario, wie er selber sagt.

„Üblicherweise braucht es 15 Jahre, bis sich ein gänzlich neues Produkt auf dem Markt etabliert“, beschrieb Stingl in seiner Präsentation das Problem, doch wie schafft man es, diese Durststrecke zu überleben? Initiativen wie inits hält er für sehr hilfreich – etwas, das es zu seiner Gründer-Zeit noch nicht gab. Diese Art von Förderung zahlt sich aus. Nimmt man die Wirtschaftsleistung aller Spin-Offs zusammen, die aus dem MIT in den USA hervorgehen, und vergleicht diesen Wert mit dem Bruttosozialprodukt von einzelnen Nationen, so stünde die Universität an 24. Stelle, rechnete Stingl vor, noch vor Österreich. Dabei hat sie nur 8.000 StudentInnen.

Mit Sieben-Meilen-Stiefeln zum Erfolg

Konkrete Tipps hatte Dr. Uwe von Ahsen parat, Chief Scientific Officer von Biovertis. Erst 2003 ist die Firma als Spin-Off von Intercell hervorgegangen. Als wichtigsten Faktor, um bei potentiellen Investoren mit seiner Geschäftsidee punkten zu können, nannte der Molekularbiologe die Erreichbarkeit von Milestones.

„Ob ein Geldgeber nun eine oder 10 Millionen Euro investieren soll, er wird Sie immer als erstes fragen: Welche Ziele wollen Sie bis wann erreichen, können Sie mir Ihre Meilensteine-Darstellung zeigen“, so von Ahsen.

Ein Loblied auf die Naivität

Für BOC arbeiten 140 Leute, die im letzten Jahr einen Umsatz von 70 Millionen Euro machten. Der Anfang des Software-Anbieters sieht allerdings anders aus. 1995 nahm Prof. Dimitris Karagiannis an der Uni Wien ein paar StudentInnen mit ins Boot und probierte eine unternehmerische Idee aus. „Ich will Ihnen gleich sagen“, betonte dieser, als das Publikum ein beeindrucktes Gesicht machte, „dass es für uns auch viele schlechte Zeiten gab, und die werden in solchen Success Stories gerne verschwiegen. Wir hätten es genau so gut nicht schaffen können. Aber dann hätten wir eben etwas anderes probiert. Wo ist das Problem?“

Karagiannis bemühte sich, vor allem die StudentInnen und JungunternehmerInnen anzusprechen. Mut zum Risiko sei wichtig, und er halte es auch für gut, als innovativer Kopf noch nicht alles über die Industrie zu wissen, in die man sich begebe. „Es ist doch besser, ich bin innovativ und naiv als bodenständig und dumm.“

Ein Plan für alles?

Einen guten Business-Plan hält der Geschäftsführer von BOC zwar für unerlässlich – denn bei einem schweren finanziellen Schaden fällt das Wiederaufstehen nach einem gescheiterten Projekt sehr schwer. Aber am Anfang steht für ihn die Offenheit – etwa eine Ausrichtung auf ganz Europa (und nicht nur auf den seiner Meinung nach zu kleinen Markt Österreich) oder die Flexibilität, was die Verteilung der einzelnen Aufgabenbereiche im jungen Team betrifft.

Ein Statement war von allen drei Unternehmensgründern in der Abschlussdiskussion zu hören: „Wir haben viel Glück gehabt.“ Alles, so zeigten sie, ist nicht planbar, steuerbar, absicherbar. Wenn auch vieles.

(Mai 2006.)


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