Gespräch mit Dr. Wolfgang Haidinger von der IV

Der Experte für Bildung, Innovation und Forschung der Industriellenvereinigung über die Herausforderung durch Asien - und was der Schlüssel ist, um konkurrenzfähig zu bleiben

„Die Dynamik in den asiatischen Staaten im Innovationsbereich ist kaum zu überbieten“, sagt Dr. Wolfgang Haidinger, Experte für den Bereich Bildung, Innovation und Forschung  bei der Industriellenvereinigung. „Hält der gegenwärtige Trend an, wird beispielweise  China im Jahr 2010 ebenso hohe Aufwendungen in F&E (gemessen am BIP) verzeichnen wie Europa.“

Der Schlüssel: keine Angst vor Neuem

Für Haidinger können die Länder Europas nicht ‚ja’ oder ‚nein’ zur Globalisierung sagen, die auch den Innovationsbereich erfasst hat. Sich dieser Entwicklung zu stellen „ist zur Notwendigkeit und zentralen Herausforderung geworden, um unsere Wettbewerbsfähigkeit und somit unseren Wohlstand nachhaltig abzusichern“. Wichtig ist dem Experten, dass diese Gegebenheit nicht als Bedrohung wahrgenommen wird.

„Es bieten sich durch die Globalisierung auch Chancen, wie etwa die neuen Märkte in Asien, die von vielen heimischen, innovativen Unternehmen bereits erfolgreich ins Auge gefasst wurden – beispielsweise von AVL, AT&S, Böhler, Siemens Austria oder EPCOS. Gerade in diesem Mut und der Offenheit gegenüber Neuem liegt der Schlüssel zur erfolgreichen Bewältigung der Herausforderungen der Zukunft. Ebenso bedarf es eines erhöhten Bewusstseins, dass erfolgreiche Investitionen im Ausland auch die heimischen Standorte und somit Arbeitsplätze und Wertschöpfung in Österreich sichern.“

Stark in den Nischen

Die politische Fokussierung auf Forschung und Innovation der letzten Jahre hat sich Haidingers Meinung nach „sehr positiv“ auf den Forschungsstandort Österreich ausgewirkt. Im Innovationsbereich ortet er die Stärken Österreichs vor allem im Bereich der Nischenprodukte: „Es gibt viele Beispiele für österreichische Leading Competence Units [gemeint sind Hauptsitze von großen, global agierenden Unternehmen], die in Nischen zu Weltmarktführern geworden sind – etwa EPCOS, Kapsch, Frequentis, Rosenbauer, Engel, FACC oder Infineon. Und wir verfügen über eine hohe Anzahl von Klein- und Mittelunternehmen, die sehr innovativ sind.“

Österreich ist für den IV-Experten stark in internationalen Wirtschaftsbeziehungen mit Mittel- und Osteuropa. Für den Schritt nach Asien fehlen teilweise aber noch die Voraussetzungen. „Ein Engagement in Asien erfordert umfangreiche Planung und erhebliche Ressourcen, und gleichzeitig wird das Risiko der Expansion in den ‚unbekannten Kontinent’ oft als sehr hoch eingeschätzt. Einen Return on Investment in Asien kann man zumeist erst nach vielen Jahren erreichen – hierfür fehlt österreichischen Unternehmen oft der finanzielle Atem.“

Ein Miteinander von Großen und Kleinen

Die Industriellenvereinigung setzt sich für eine Standortpolitik ein, die das Halten und die Neuansiedlung von Leading Competence Units (LCUs) fördert. „Heute wissen wir, dass alleine 47 solcher LCUs für ein Drittel der heimischen Forschungsaufwendungen aufkommen und durch ihre wirtschaftliche Vernetzung über 260.000 Arbeitsplätze in Österreich sichern.“ Diese „Wachstumslokomotiven“ fungieren laut Haidinger jede für sich als ein Netzwerkknotenpunkt, der im Schnitt mit fast  Tausende Klein- und Mittelunternehmen Kooperationen unterhält – und diese so für die Herausforderungen der Globalisierung fit(ter) macht.

Als ein weiteres wichtiges Element, um mit dem Aufstieg Asiens mithalten zu können, sieht der Experte den Bildungsbereich. „Gerade was die Verfügbarkeit von hochqualifizierten Arbeitskräften betrifft, also die Schnittstelle von Bildung und Innovation, besteht bereits heute massiver Handlungsbedarf. Engpässe am Techniker-Arbeitsmarkt bedrohen die Wachstumschancen im Innovationsbereich. Österreich wird daher bedeutende Anstrengungen unternehmen müssen, um einerseits die Verfügbarkeit von hochqualifizierten und -motivierten Arbeitskräften im Bereich F&E auf breiter Basis sicherzustellen und andererseits internationale Top-ForscherInnen anzuziehen, um sie für den heimischen Standort zu gewinnen.“

Umdenken, denn das Tempo steigert sich

Während F&E und Innovation mehr und mehr zum zentralen Wettbewerbsfaktor werden, steigert sich das Tempo der Globalisierung in Zukunft weiter, so Haidinger. „Österreich als Hochlohnland wird sich im Bereich der Produktions- und Lohnkosten niemals mit ‚asiatischen’ Verhältnissen messen können. Was daher immer notwendiger wird, ist die Kernkompetenzen, in denen wir heute über einen Vorsprung verfügen, auszubauen – eben Forschung und Innovation. Und wir müssen stärker auf Bereiche fokussieren, in denen – aufbauend auf einer soliden Basis – noch Verbesserungen möglich sind, etwa bei der Bildung und der Flexibilisierung des Arbeitsmarkts.“

„Österreich muss auf alle Fälle umdenken“, ist der IV-Experte überzeugt. „Wir haben diese Neuorientierung bei der Industriellenvereinigung unter den Begriff ‚Front-Running-Strategie’ gestellt.“ Die Zeiten des Aufholens sind für ihn vorbei, da Österreich inzwischen zu den „erfolgreichsten Innovationsperformern“ in Europa gehört. „Das heißt, wir können erfolgreiche Modelle nicht mehr von anderen übernehmen, sondern müssen als Innovationsstandort selbst zum Vorbild werden, auch indem wir Ansätze entwickeln, die bisher von anderen Ländern noch nicht verfolgt wurden.“

Dem einzelnen Kreativen mehr Raum geben

Der Beschluss, das Spitzeninstitut ISTA ins Leben zu rufen, ist für Haidinger ein international sichtbares Beispiel Österreichs dafür, eine Front-Running-Strategie einschlagen zu wollen. „Es ist von zentraler Bedeutung, die Förderung von kreativen Menschen im Zentrum des Innovationsgeschehens zum Hauptthema zu machen. Ich wünsche mir einen Paradigmenwechsel, der auf eine gelebte Innovationskultur quer durch alle Bevölkerungsschichten zielt, und einen breiten politischen Konsens darüber, dass Bildung, Innovation und Forschung weiter gestärkt werden müssen.“

(November 2006.) 


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