„Unsere Arbeit läuft auf zwei Schienen“, erzählt Karin Schwind-Derdak, verantwortlich für Public Relations bei der ABA (Austrian Business Agency).
„Wir beraten jedes internationale Unternehmen, das sich für den Standort Österreich entschieden hat oder noch entscheiden soll. Hierin besteht unsere Haupttätigkeit. Und wir betreiben zusätzlich noch Marketing für Österreich als Wirtschaftsraum, in den sich zu investieren lohnt.“
Ein weites Feld
Über 15 Arbeitsschwerpunkte erstreckt sich der Leistungskatalog der dem Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit gehörenden Ges.m.b.H., was ihr Beratungsangebot betrifft. Am häufigsten werden den insgesamt 27 MitarbeiterInnen Fragen zur steuerlichen und rechtlichen Situation in Österreich gestellt. Doch sind die Anfragen so unterschiedlich wie die potentiellen Investoren.
„Natürlich hat ein Bayer, der für sein mittelständisches Unternehmen eine Erweiterungsinvestition im Innviertel überlegt, andere Fragen als der Unternehmensberater eines Pharmamultis, der in Erwägung zieht, in Österreich eine neue Forschungstätte aufzubauen. In so einem Fall erreichen uns seitenlange, komplizierte Questionnaires, für die viel branchenspezifisches Hintergrundwissen zusammenzutragen ist. Dann bleibt abzuwarten, ob man es auf die Shortlist des Unternehmens schafft, was weitere Fragebögen bedeutet.“
Gut Ding braucht Weile
So überrascht es nicht, dass für Firmenansiedlungen bzw. die Eröffnung von Zweigstellen in Österreich häufig mit einer Vorlaufzeit von ca. zwei Jahren zu rechnen ist. Für 2005 liest sich die ABA-Bilanz mit 123 abgewickelten Investitionsprojekten dennoch beeindruckend.
Der weitaus größte Anteil dieser Projekte kommt aus Deutschland. „Hier ist schon seit vielen Jahren unser stärkster Markt“, meint Schwind-Derdak. Auch Italien gilt für die Austrian Business Agency als besonders wichtiges Land, das sie intensiv bearbeitet. Außerhalb von Europa stellen die USA und Japan bedeutende Märkte dar, weswegen in New York City und in Tokio Zweigstellen eingerichtet wurden.
Von Österreich in die USA nach Österreich?
„Unsere Services stehen auch Österreichern im Ausland offen, die dort eine eigene Unternehmung gegründet haben, und die diese nun in die Heimat übersiedeln wollen“, betont Schwind-Derdak. „Voraussetzung dafür, dass wir aktiv werden können, ist aber immer, dass Geld aus dem Ausland in Österreich investiert wird.“
Die Qualitäten des Standorts Österreich liegen in der günstigen Unternehmensbesteuerung, der großen Motivation und guten Ausbildung der MitarbeiterInnen, der hohen Produktivität und auch seiner zentrale Lage. Schwind-Derdak kann zudem bestätigen, dass er in der letzten Zeit noch stark an Attraktivität gewonnen hat.
„Die Reformen der vergangenen Jahre, etwa bei der Gewerbeordnung, haben zu einer Beschleunigung bei Genehmigungsverfahren geführt. Obwohl wir bei weitem keine amerikanischen Verhältnisse haben, ist es doch den zahlreichen von der Politik gesetzten Liberalisierungsschritten zu danken, dass es inzwischen schneller und unbürokratischer möglich ist, bei uns ein Unternehmen aufzumachen als etwa in Deutschland.“
Anvisieren, anmailen, ansprechen
Immerhin neun Prozent der Projekte, die die ABA bearbeitet, kommen dadurch zustande, dass Interessierte auf ihre Website gehen und sich – neugierig geworden – melden. „Trotzdem“, so Schwind-Derdak, „sind die meisten Beratungssituationen nach wie vor das Ergebnis davon, dass wir aktiv auf die Leute im Ausland zugehen.“ Dabei verlässt sich die Austrian Business Agency auf klassische Werbung, Pressearbeit und in der Hauptsache Direktmailings, die gezielt auf einzelne Branchen zugeschnitten sind.
Die ABA muss, wenn sie sich für Österreich stark macht, häufig erst einmal gegen die typischen Mozart- und Lippizanerclichés angehen, die nach wie vor bestehen, erzählt die Public-Relations-Verantwortliche. „Wir sind als Kultur- und Schifahrernation bekannt. Bei uns macht man Urlaub. Aber dass Österreich ein Industriestaat ist, das wissen ja nicht einmal die Österreicher selbst, geschweige denn das Ausland.“
Zwischen Computermangel und Forschungszentrum
Erst in zweiter Linie geht es darum, zu zeigen, dass die Alpenrepublik in mancherlei Hinsicht andere europäische Länder an Attraktivität übertreffen kann. „Es ist noch keine zehn Jahre her, da fragte ein Unternehmer im Automotive-Bereich aus dem amerikanischen Mittelwesten, als er von Österreich als Investitionsmöglichkeit hörte, ob es da überhaupt Computer gibt. Mit ähnlichen Vorstellungen haben wir – wenn auch abgeschwächt – heute immer noch zu kämpfen.“
Dem gegenüber steht eine Vielzahl von erfolgreichen Betriebsansiedlungen wie diejenige der Pharmafirma Boehringer-Ingelheim, die gerade ein neues Zentrum in Wien eröffnet hat. Neben der Osteuropazentrale hat der Weltkonzern nun auch einen seiner vier Forschungsschwerpunkte in der Bundeshauptstadt, wo jährlich rund 50 Millionen Euro in die Krebsforschung investiert werden.
(Juli 2006.)