Im Portrait: Dr. David P. Kreil

Über Umwege auf die Überholspur

Wie schafft man es, mit nur 34 Jahren Professor für Bioinformatik zu sein, obwohl man zuerst Pianist und dann Physiker werden wollte? Dass Umwege manchmal direkt auf die Überholspur führen, beweist der Lebens- und Karriereweg von Dr. David P. Kreil, der momentan eine Stiftungsprofessur des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) an der Universität für Bodenkultur (BOKU) inne hat.

Vom Anteil der Wissenschaft am Künstlertum

Die Um- und Nebenwege begannen schon früh in seinem Leben. Obwohl 1973 in Wien geboren, wuchs er hauptsächlich in Salzburg auf, verbrachte aber schon als Kind mit seiner Familie jeweils ein Jahr in San Francisco und später in Los Angeles. In Salzburg schrieb er sich während seiner Zeit auf dem Bundesrealgymnasium am Mozarteum ein, um Klavier zu studieren. Aber eine Karriere als Pianist konnte er sich dann doch nicht vorstellen. Er entschied sich für eine naturwissenschaftliche Ausbildung, denn er wollte lieber nach objektiven Kriterien arbeiten und nicht nur nach dem subjektiven Geschmack des Publikums bewertet werden. „So ganz ist es ja dann nicht so gekommen,“ lacht David Kreil und ergänzt: „Auch wenn man es sich am Anfang anders vorstellt: Selbst im Wissenschaftsbetrieb muss man sich schließlich ‚verkaufen’ - also seine Leistungen nach außen vertreten, um die Unterstützung von Kollegen und Fördergebern zu gewinnen.“

In Cambridge gelehrt und geforscht

Die gut gelaunte und pragmatische Ironie hinter seinen Worten sind unverkennbar ein Einfluss seines achtjährigen England-Aufenthalts an der Universität in Cambridge, wohin David Kreil nach seinem Physik-Studium in München, während dessen er sich immer stärker für die Fragestellungen der Bioinformatik interessierte, ging. Zunächst war er Fellow des Europäischen Bioinformatik-Instituts. Doch nach seiner Promotion konnte David Kreil dann am Department of Genetics und dem Cavendish Laboratory an der englischen Elite-Uni weiterforschen sowie Erfahrungen in der Lehre sammeln.

Rückkehr in die Geburtsstadt Wien

Diese Auslandserfahrung stellte einen Umstand dar, der ihn für seinen jetzigen Job prädestinierte: 2005 kehrte er in seine Geburtstadt Wien zurück, um mit einer WWTF-Stiftungsprofessur an der BOKU eine junge Arbeitsgruppe für den Bereich "Bioinformatik/Systembiologie" aufzubauen.

Eine Wissenschaft hilft der anderen

Doch was ist das eigentlich genau - Bioinformatik?
Die klassische Biologie geht bei der Gen-Analyse so vor: Wird ein Gen ‚ausgeschaltet’, kann man über den Effekt auf den Organismus etwas über die Funktion des Gens lernen. Das Problem daran ist aber, dass dies bei komplexen Organismen, wie etwa dem Menschen, nicht mehr so einfach zu erkennen ist, da ein Ausfall eines einzelnen Gens oft von anderen Mechanismen kompensiert wird oder der Organismus ganz einfach stirbt. Doch seit circa 10 Jahren gibt es die Möglichkeit, die Aktivität praktisch aller Gene gleichzeitig quantitativ zu messen. Dabei fallen allerdings so viele Datenmengen an, dass die Biologie, um die Ergebnisse überhaupt interpretieren zu können, auf die mathematischen Arbeitsmethoden angewiesen ist.  Bioinformatiker machen so also die Beantwortung neuer Fragestellungen in der Biologie möglich.

Forschung an Genen, die das Altern beeinflussen

Momentan untersucht David Kreil die Alterungsphänomene an der Fruchtfliege Drosophila Melanogaster. Dafür werden an dem Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie in Wien aus einer großen Fliegensammlung bestimmte Fliegenstämme, die länger leben als erwartet, isoliert. Danach wird die Aktivität aller Gene im Laufe des Alterungsprozesses studiert, um molekulare Mechanismen des Alterns aufzudecken.
„Für Wissenschaftler aus den Lebenswissenschaften ist das eine ungewohnte Art, biologische Systeme zu betrachten,“ sagt er.
Vielleicht tragen aber diese Ergebnisse in 10 oder 20 Jahren mit dazu bei, dass man die Vorgänge nicht nur besser versteht, sondern auch gezielte Therapien entwickeln kann, um die Beschwerden des Alterns zu reduzieren.

Rekrutierung junger WissenschaftlerInnen mit Hilfe von brainpower austria

Doch das ist nicht die einzige Motivation, die hinter seiner Rückkehr nach Österreich steckt. Als spannende Herausforderung empfindet David Kreil den Aufbau eines 20-köpfigen Teams unter seiner Leitung. „Mich hat primär die Möglichkeit interessiert, eine junge Gruppe aufbauen zu können, die sowohl experimentell im Labor als auch theoretisch arbeiten kann. Das ist auch im internationalen Umfeld noch selten.“

Doch junge gut ausgebildete WissenschaftlerInnen für sein Fachgebiet nach Österreich zu holen, stellte sich für David  Kreil als gar nicht so einfach heraus. „Erstens ist unser Gebiet ‚heiß’, es gibt also sehr viel mehr Stellen als es wirklich qualifizierte Bewerber gibt. Und zweitens macht uns der Mangel an mittelfristigen Perspektiven in Österreich für gute Leute ernsthaft Probleme. Interessante Kandidaten sind oft im Ausland, und wenn diese in Amerika oder Tokyo sitzen, ist es schwierig, sich ein gutes Bild von ihnen zu machen. Hier hat uns brainpower austria sehr geholfen, weil wir mit deren Unterstützung die besten WissenschaftlerInnen zum persönlichen Interview einladen konnten, um die Entscheidung für eine Aufnahme in das Forscherteam zu treffen.“

Zuwachs für das Wiener Team diesen Frühling

Ende April und Anfang Juni bekommt das junge Team Zuwachs aus Polen und den USA, auf den sich David Kreil schon freut. Denn trotz aller Schwierigkeiten ist er davon überzeugt, dass man für die Spitzenforschung in Österreich gute internationale Nachwuchs-Wissenschaftler gewinnen kann. Und wenn es derzeit oft auch immer wieder persönliche Gründe wie ein(e) einheimische(r) LebenspartnerIn oder die hohe österreichische Lebensqualität sind, die mithelfen, die besten Leute nach Österreich zu locken - mit Umwegen kennt sich David Kreil schließlich bestens aus.  

Informieren Sie sich über Aktuelles von Dr. Kreil und seinem Team unter http://bioinf.boku.ac.at/

(Foto Lukas Beck)

 

 


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