Über den Netzwerker Archimedes und den Stubenhocker Gauß
Gastkommentar von Dr. Rudolf Taschner
Institut für Analysis und Technische Mathematik der Technischen Universität (TU) Wien; Österreichs "Wissenschaftler des Jahres 2004".
Für die meisten Disziplinen liegt es auf der Hand: Reisen als Zeichen internationaler Vernetzung sind bitter nötig wie das tägliche Brot: Astronomen weltweit lechzen danach, die hohen Berge Hawaiis oder Chiles aufzusuchen, denn nur dort finden sie die klare Luft, die den ungetrübten Blick auf den Himmel bietet. Theaterwissenschafter des gesamten Globus treibt es nach London, um wenigstens die Fundamente des legendären Globe Theatre bewundern zu können. Dass Archäologen aller Herren Länder an den Stätten antiker Kulturen einander treffen, dass Elementarteilchenphysiker von allen Kontinenten im SLAC bei Stanford oder im CERN bei Genf Schlange stehen und ihre Experimente anmelden, durchführen und auswerten wollen, hat jahrzehntelange Tradition, und dieser internationale Gedankenaustausch wird wohl auch in weiterer Zukunft so stattfinden.
Aber es gibt auch Gegenbeispiele. Zwei prominente findet man in der Philosophie: Immanuel Kant bewegte sich bekanntlich sein ganzes Leben keine sieben Meilen über Königsberg hinaus. Wer mit ihm persönlich kommunizieren wollte, hatte die beschwerliche Reise nach Ostpreußen auf sich zu nehmen, oder sich mit der Lektüre seiner Werke zu begnügen – und das reicht für die Philosophie allzumal. Noch mehr der Umwelt gegenüber apathisch, bezeichnenderweise ein homo unius libri, war der neben Heidegger eminenteste aller Philosophen des 20. Jahrhunderts: Ludwig Wittgenstein. Jener Mann, der dem emsig um Kontakte bemühten, Netzwerke konstruierenden und sich selbst ungemein wichtig nehmenden Karl Popper mit dem Schürhaken abwehrend entgegenfuchtelte.
Wie aber ist es, was internationale Vernetzung, globale Kommunikation betrifft, in der Mathematik bestellt?
Auch hier mag es interessant sein, in der Historie Paradigmen zu finden: bei Archimedes und Gauß, den bedeutendsten aller Mathematiker. Archimedes hatte bereits als junger Mann die Gelegenheit für internationale Kontakte ergriffen, weil er – wie man mit großer Sicherheit annehmen darf – einige Zeit im damaligen Zentrum der Wissenschaften, in Alexandria, verbrachte. Er behielt, nachdem er wieder in seine Heimatstadt Syrakus zurückgekehrt war, die Kontakte mit den alexandrinischen Kollegen Eratosthenes und Apollonius bei. Gauß hingegen war Reisen gegenüber abhold und mied auch persönliche Kontakte mit Kollegen. Veröffentlicht hat er nur Ergebnisse, von denen er überzeugt war, dass sie jeder nur denkbaren kritischen Diskussion standhielten – in Wahrheit hat er weitaus mehr mathematische Einsichten gehabt. Dass er sie nicht publizierte, nicht einmal seinen Kollegen oder Schülern mitteilte, hat den Fortschritt der Mathematik bestimmt um mehr als ein halbes Jahrhundert verzögert. Dies war aber ihm, der in seinem Leben nur an einer einzigen internationalen Tagung in Berlin teilnahm, völlig gleichgültig. Seine Tagebucheintragungen über Entdeckungen, die ihm gelangen, notierte er in einer kaum verständlichen Stenographie, und seine veröffentlichten Beweise formulierte er so, dass nie jemand auf die Idee kommen konnte, wie Gauß selbst zu diesen Einsichten gelangte.
Was Gauß jedoch nicht verhindern konnte – vielleicht auch gar nicht verhindern wollte – war, dass Göttingen, der Ort seines Wirkens, neben Paris und Berlin zu einem der drei großen Zentren der Mathematik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurde. Wer damals Mathematik studierte, pilgerte dort hin: nach Paris zu Goursat, Jordan, Poincaré, nach Berlin zu Kummer, Kronecker, Weierstraß, bevorzugt aber nach Göttingen zu Klein, Minkowski, Hilbert.
Heutzutage sind die Kontakte vielfältiger, die Pilgerreisen unüberschaubarer geworden, auch in der Mathematik. Vom Wesen dieser Wissenschaft her wäre das eigentlich nicht vonnöten. Denn ein mathematisches Theorem gilt am Äquator gleich viel wie an den Polen, und wenn der Beweis dazu lege artis vorgelegt wird, versteht ihn eine chinesische Mathematikerin genauso wie ein tasmanischer Kollege. Aber es gibt – vielleicht nicht für einsame Genies wie Gödel und Gauß, aber für die meisten anderen – darüber hinaus etwas, das ihnen in der Entwicklung der eigenen fruchtbaren Gedanken hilft: der Einblick, wie aus völlig anderem Umfeld kommende Kolleginnen und Kollegen Probleme betrachten und in ihre jeweils eigene Architektur von Mathematik einzubauen versuchen.
Somit sind internationale Kontakte, Treffen bei großen Konferenzen, für die Mathematik nicht unbedingt notwendig, sicher für viele Forschende aber hilfreich.
Wobei Grenzen im Verstehen zuweilen trotz aller Reisen zu gemeinsamen Orten und trotz allen Schmiedens enger Kontakte unüberwindbar bleiben können. Der Fall des überragenden indischen Mathematikers Srinivasa Ramanujan sticht hier besonders hervor: Aller religiösen Vorbehalte zum Trotz reiste er von Südindien nach England, um im Dialog mit dem bedeutenden Zahlentheoretiker Godfrey H. Hardy seine mathematische Gedankenwelt zu offenbaren. Zwar gelangen den beiden epochale Erkenntnisse; wie aber Ramanujan wirklich mathematisierte, blieb Hardy und allen anderen Gelehrten von Cambridge verborgen. So entpuppt sich Mathematik, welche die allgemeinste aller Wissenschaften zu sein scheint, als intimstes Geheimnis eines Genies.