Austrian Science Talk 2007

Zum bereits vierten Mal fanden heuer die Austrian Science Talks in den USA statt, diesmal wieder jeweils an der West- und Ostküste. Mehr als 130 TeilnehmerInnen, vorwiegend ÖsterreicherInnen, die in den USA leben und forschen, nutzten die Gelegenheit, mit VertreterInnen aus Politik, Industrie und Wissenschaft zum Thema „Exzellente Forschung – das Prinzip Elite“ zu diskutieren.

Research for Success

Nach Begrüßungsworten der „Hausherren“ (Generalkonsul Martin Weiss in Los Angeles und Brigitta Blaha, Generalkonsulin in New York), VertreterInnen des bmvit, dem Kooperationspartner Ascina und dem neuen Wissenschaftsattaché Philipp Marxgut eröffnete Ingolf Schädler, Sektionsleiter Stellvertreter im bmvit, die session der Kurzvorträge. Man habe viel gelernt, seit man vor 2 Jahren zuletzt an der Westküste zu Gast war, sagt Schädler. Die FTE-Politik in Österreich hat einen neuen Stellenwert bekommen, es zählen immer mehr die wirtschaftlichen Erfolge aus Wissen und Wissenschaft. Österreich investiere in F&E, sei „gut unterwegs“ und zusehends international bekannt. Als Beispiel für Exzellenz nannte Schädler die kürzlich bekannt gegebenen Kompetenzzentren des Programms COMET oder auch die viel diskutierte „Exzellenz-Universität“ I.S.T. Austria. Es gilt, nicht in „regionaler Mittelmäßigkeit unterzugehen“, sondern der Weg muss Richtung Exzellenz führen, von einer „Catching-Up-“ zur „Front-Running-Strategy“. Weiters betonte Ingolf Schädler, dass die Debatte um Exzellenz ja nicht nur eine österreichische sei, sondern speziell auch eine europäische.

Forschungsförderung auf europäischer Ebene

Auf großes Interesse stieß das Thema des European Research Council (ERC), das mit dem 7. Rahmenprogramm erstmals auf europäischer Ebene Fördertöpfe für die Grundlagenforschung kreierte. Christian Krassnig (Los Angeles) und Ernst-Ludwig Winnacker (New York) stellten das ERC und ihre Grants vor und berichteten von mehr als 9000 Anträgen für den ersten Call, eine Zahl, die alle Erwartungen übertraf. Von den 559, die es in die zweite Runde schafften, kommen die meisten Anträge aus Großbritannien (etwas mehr als 100), Deutschland (ca. 80) und Frankreich (ca. 65). Österreichische ForscherInnen sind mit 9 Anträgen in der zweiten Runde vertreten. Winnacker erklärte sich die Stellung Großbritanniens nicht nur durch die Spitzenbedingungen dort, sondern auch durch die ausländerfreundliche Grundhaltung, die das Land für ForscherInnen attraktiv macht. Im ERC herrscht eine enorme Aufbruchstimmung, es gibt nun einen Wettbewerb auf europäischer Ebene und die Beurteilungskriterien basieren rein auf Exzellenz. Für die ERC-Grants soll es 2008 in Summe rund 1 Mrd. Euro geben. Ernst-Ludwig Winnacker erinnert sich an die Zeit seines Doktorats in den USA zurück, wo er mittels eines NIH-Stipendiums in Berkeley studierte. Das Stipendium betrug damals 280 USD im Monat. Winnacker und Krassnig stellten in ihren Präsentationen auch die Frage „Warum Forschung (und Forschungsförderung) auf europäischer Ebene?“. Die Antwort fanden sie unter anderem im dadurch gestärkten Wirtschaftswachstum, der Bündelung an Ressourcen, Ermutigung der nationalen Politiken oder der Stärkung des Humankapitals als entscheidender Faktor für Exzellenz in F&E.

     
 
„Ich halte es für zwingend, dass die im Ausland, vor allem in den USA tätigen WissenschaftlerInnen besser über die Verhältnisse in Europa und den Mitgliedstaaten informiert werden. Die Veranstaltung in NY war in diesem Sinne vorbildlich. Dies gilt für die Inhalte genauso wie für das Format der Veranstaltung." Ernst-Ludwig Winnacker
 
     


Exzellenz am I.S.T. Austria

Mit Gerald Murauer, Interims Manager am I.S.T. Austria, wurde ein aktuelles und besonders spannendes Beispiel von Exzellenz in Österreich angesprochen. Murauer präsentierte die Vision des Instituts und betonte das Bestreben, eine „first class-Einrichtung" aufziehen zu wollen, die eigene PhDs vergeben darf, von Anfang an klare Regelungen zu Intellectual Property vorgeben möchte und deren Sprache Englisch sein wird. In seiner Präsentation ging Gerald Murauer dann gezielt auf die Möglichkeiten der beruflichen Chancen für interessierte ForscherInnen ein. Ein Ziel des I.S.T. Austria ist es, „durch weltweites Recruiting brain gain für die österreichische Forschungslandschaft zu erreichen“. Momentan wird der/die erste Präsident/in (gleichzeitig zukünftige/r CEO des Instituts) gesucht, und Murauer wünscht sich idealerweise jemanden „wie Haim Harari minus 15 Jahre“. Es gab bisher rund 65 Nominierungen für diese Position, 6 bis 10 davon bezeichnet er als „sehr interessant“. Für die aktuell ausgeschriebenen ProfessorInnenstellen trafen in den ersten zwei Wochen rund 150 Bewerbungen ein, über 80% kamen aus dem Ausland, davon wiederum „gute 2 Drittel“ von ÖsterreicherInnen.

Die Strategie der Personensuche verfolgt 2 Wege: Ein offener Prozess, indem sich jeder/e exzellente WissenschaftlerIn aus jedem Gebiet bewerben kann, und eine gezielte Suche in 3 interdisziplinären Bereichen durch „Search Committees“. „Wichtig dabei ist, zuerst zählt die Person", das Gebiet sei zweitrangig, betont Murauer. Gleichzeitig ist es auch wichtig, eine „kritische Größe“ zu erreichen, es werde daher keine „Einzelbestellungen“ geben, sondern es sollen Cluster von Personen gebildet werden. Das I.S.T. Austria verfolgt ehrgeizige Pläne, und dafür braucht es Geld. „Geld ist aber natürlich nicht alles“, meint Murauer, aber das Institut steht auf einer „soliden Finanzierung“, wobei auch das Einbringen von Drittmitteln und Spenden aus der Industrie wichtige Themen sind. Neben der Finanzierungsfrage ist und war auch die Wahl des geeigneten Ortes ein nicht unumstrittenes Thema. „The right place was chosen for all the wrong reasons“, zitiert Murauer den Chairman Haim Harari zu diesem Thema. Der Interim Manager sieht im Standort Maria Gugging „enormes Potential“ und erzählt aus eigener Erfahrung, dass wer es einmal gesehen hat, die Kritik oft schnell zurück nimmt. Ein Problem, das noch verbessert werden muss, ist die Verkehrsanbindung. In Zukunft soll es einen eigenen Shuttlebus von Wien Mitte zum Institut geben. Gehen die Pläne auf, besteht das I.S.T. Austria im Jahre 2016 aus etwa 600 MitarbeiterInnen, der Großteil davon WissenschaftlerInnen, und 45 Forschungsgruppen.

     
 
„Das große Interesse an I.S.T. Austria ist sehr ermutigend. Die Austrian Science Talks sind ein geeignetes Format, um WissenschaftlerInnen über die Möglichkeiten in Österreich proaktiv zu informieren." Gerald Murauer
 
     


Innovation in der Industrie

Als Beispiel für „Exzellenz in der Industrie“ leitete Christian Müller in seiner Moderation zur Siemens AG über, und Edeltraud Stiftinger (Los Angeles) und Wolfgang Pell (New York) gingen in ihren Präsentationen auf die dortigen Innovationsprozesse ein. Stiftinger griff das Thema ihres Vorredners Gerald Murauer auf und wies darauf hin, dass Spitzenforschung auch für die Industrie interessant sei, weil es die Standortattraktivität enorm hebe. Wie wichtig Innovation für Siemens ist zeigt die Statistik, dass rund 75% aller Produkte in einem Zyklus von 5 Jahren komplett ersetzt werden. Ein wichtiger Indikator für die Performance am Weltmarkt sind die F&E-Aufwendungen der jeweiligen Unternehmen. Im Gegensatz zum Jahresumsatz, wo der „ewige Konkurrent“ General Electrics 2006 doch deutlich vorne lag, gab Siemens im selben Jahr mit 5,7 Mrd Euro am meisten Geld aller Wettbewerber für F&E aus. Derzeit befindet sich der Konzern in einem Wandlungsprozess. Die bisher traditionellen 9 Geschäftsfelder sollen zu 3 Bereichen zusammen gelegt werden, nämlich Energie, Gesundheit (Medizintechnik, Diagnostik) und Industrie & Verkehr.

Einer der vielen Gründe für diese Überlegungen ist das Thema F&E. Siemens beschäftigt derzeit etwa 50.000 ForscherInnen weltweit, rund 2.000 davon bei Corporate Technology, der „so genannten zentralen Forschung“. Eine Aufgabe der Corporate Technology ist es auch, bereichsübergreifende Kooperationen und F&E Projekte zu forcieren, die „größte Herausforderung“ aus Stiftingers Sicht. Bisher flossen die meisten Forschungsgelder in den Bereich „Information and Communications“. Das wird sich in Zukunft ändern, dann der Bereich wurde mittlerweile ausgelagert und die Schwerpunkte nun auf „Energie“ und „Medizin“ gesetzt. Weltweit unterhält Siemens rund 150 Forschungsstandorte. Waren es bis vor kurzem hauptsächlich die Produktionsstätten, so möchte nun jedes Land, in dem Siemens eine Repräsentanz hat, Forschungsstandort sein. Dazu betont Stiftinger, dass F&E in einem Technologiekonzern „immer eine Sache der Konzernzentrale“ sei. Selbst starke Regionalniederlassungen haben nur einen „sehr beschränkten Handlungsspielraum“. Im Falle von Siemens passieren mehr als 50% aller F&E-Leistungen in Deutschland. Siemens Österreich stellt nach Deutschland und den USA den drittgrößten F&E-Standort mit rund 6.500 ForscherInnen und 13% der konzernweiten Aufwendungen an F&E. Für das Land Österreich wiederum bedeutet das, dass Siemens Österreich rund 20% der gesamten unternehmerischen Forschungsleistung tätigt.

     
 
"Die Konfrontation meiner österreichischen Erwartungshaltung mit der US-amerikanischen Wirklichkeit im Rahmen der Austrian Science Talks bewirkte einen jener Innovationsschübe, die unbedingte Voraussetzung auf dem Weg zu Exzellenz sind." Wolfgang Pell
 
     

Forschung Austria – das Forschungsnetzwerk

Ein Anliegen der Austrian Science Talks ist es, das Dreigestirn von Industrie, Universität und außeruniversitäre Forschung an einen Tisch zu bekommen. Als Vertreter der letzten Gruppe sprach Martin Tajmar über Forschung Austria (FA) und sein eigenes Geschäftsfeld bei den Austrian Research Centers. Der Verein FA versteht sich als starker, erster Schritt zu einem gesamtösterreichischen Dachverband der außeruniversitären anwendungsorientierten Forschung in Österreich. FA besteht aus 4 ordentlichen (Austrian Research Centers, arsenal research, Joanneum Research und salzburg research) und 4 außerordentlichen Mitgliedern (BMVIT, ACR – Austrian Cooperative Research, CTR – Carinthian Tech Research, Bohmann Verlag). In Zahlen ausgedrückt bedeutet das rund 1.900 MitarbeiterInnen mit einem Jahresumsatz von 200 Mio. Euro. Verglichen mit dem Fraunhofer Institut in Deutschland bezeichnete Tajmar diese Zahlen und die Position von FA als „überproportional stark“, denn sowohl MitarbeiterInnen und Umsatz betreffend entspricht das aus Sicht von FA etwa 1 Sechstel, verglichen an der Bevölkerungszahl und am BIP stellt Österreich gegenüber Deutschland aber nur ein Zehntel dar. Der größte Player innerhalb von FA sind die Austrian Research Centers (ARC) mit derzeit rund 1.000 MitarbeiterInnen, mehr als die Hälfte davon durchwegs international aufgestellte WissenschaftlerInnen. Die ARC setzt 3 Schwerpunkte in ihrer Forschungsaktivität, nämlich die Auftragsforschung (40% der Gesamtaktivitäten), unabhängige Forschung aus Basismittel (40%) und Forschung mit Industriepartnern und Förderprogrammen (20%). Als ein „Alleinstellungsmerkmal“ der Forschung bei den ARC nannte Tajmar die Interdisziplinarität. Üblicherweise sind die ForscherInnen an 2, 3 verschiedenen Projekten beteiligt, was besonders den Austausch fördert und hilft, sich international sichtbar aufzustellen. Abschließend brachte Martin Tajmar einige Beispiele von erfolgreichen Entwicklungen wie Bilderkennung mit Notenbanken als Großkunden, das „intelligent car“ (das Auto der Zukunft aus einer EU-Inititative) und Beispiele aus seinem Geschäftsfeld „Space Propulsion & Advanced Concepts“.
 
News von brainpower austria

Den letzten Vortrag vor der Mittagspause nutzte Gertraud Oberzaucher, Programmverantwortliche für brainpower austria im bmvit, um über Neuigkeiten von brainpower austria zu berichten. Allen voran nannte sie die F&E-Jobbörse, die zu Beginn des Jahres online gegangen ist, und ein einzigartiges Service in Österreich darstellt. Im vergangenen Jahr wurde auch das Grant-Angebot erweitert und kategorisiert in „Grants für Ihre Karriere“ und „Grants für Kontakte“, ein Service, das sehr gut angenommen wird. Derzeit (mit Stand September 2007) laufen etwa 140 Anträge. Als Beispiel für erfolgreiche Aufbauarbeit mittels brainpower-austria-Grants nannte Gertraud Oberzaucher den Bioinformatiker David Kreil, der sich eine internationale Gruppe in Wien aufgebaut hat. Ein ganz aktuelles Beispiel ist der Chemiker Arno Rettenbacher, der ab Februar 2008 die Leitung der Stabstelle für Innovation und Technologie beim Tiroler Kristall-Konzern Swarovski übernehmen wird und selbst Teilnehmer beim Austrian Science Talk 2007 in Los Angeles war. Zwei wesentliche Thema bei brainpower austria sind Vernetzung und Information. Dazu dienen nicht nur die Austrian Science Talks, sondern auch Veranstaltungen in Österreich, wie die Reihe „ForscherInnen machen Karriere“ sowie Kooperationen mit Partnern wie Ascina, der Industriellenvereinigung, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften oder dem Office of Science & Technology in Washington D.C. Eine weitere Neuerung aus der brainpower-Programmlinie ist das GastwissenscafterInnen Programm „Translational brainpower“, das vom FWF abgewickelt wird, und dessen Idee aus Anregungen bei vergangenen Austrian Science Talks geboren wurde.
 
Vom Lunch ins World Cafe
 
Der Nachmittag gehörte ganz den TeilnehmerInnen und der gelebten Diskussion. Mit einem „World Cafe“, einer Abwandlung der Diskussionsform „Open Space“, waren alle TeilnehmerInnen eingeladen, an den Tischen der Vortragenden Platz zu nehmen und zu den Themengebieten aus den Vorträgen zu diskutieren. Im selbstgewählten Rotationsprinzip bedeutete das 7 Runden (die 6 Tische der ReferentInnen plus Philipp Marxgut zum Thema „OST unter neuer Führung - Erwartungen, Wünsche, Anregungen“) zu je 25 Minuten. Die Möglichkeit, sich auf diese Weise persönlich kennen lernen zu können und seine Anliegen zu übermitteln wurde durchwegs als echte Bereicherung aufgenommen, und was zeitlich nicht mehr Platz hatte, wurde im abschließenden Abendevent in gemütlicher Atmosphäre weiter diskutiert.

>> Alle Präsentationen als PDF-Download finden Sie direkt im Programm bzw. auch auf der Seite der ReferentInnen

>> Hier finden sie alle Informationsunterlagen, die in analoger Form bei den Veranstaltungen aufgelegt wurden

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(Oktober 2007)

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