Im Portrait: Prof. Dr. Maria-Regina Kecht
The Times They Are a-Changin’...

Eigentlich wollte sie immer weg. Raus aus Tirol, die weite Welt kennen lernen. Doch mittlerweile hat Maria-Regina Kecht, gebürtige Innsbruckerin, die heute als Germanistik-Professorin an einer Eliteuniversität in Texas lehrt, ihr Fernweh gestillt und Sehnsucht nach der alten Heimat.
Germzopf und Hibiskusblätter
Vielleicht hängt das damit zusammen, dass sie sowieso nie ganz weg war aus Österreich. Zumindest geistig nicht. Denn ihr wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt auf dem Gebiet der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Besonders angetan hat es ihr dabei die österreichische Gegenwartsliteratur. So forscht und publiziert sie beispielsweise über so unterschiedliche AutorInnen wie Elfriede Jelinek, Marlen Haushofer, Elisabeth Reichart oder Doron Rabinovici und ist seit drei Jahren auch Herausgeberin der wichtigsten Zeitschrift zu Österreich-Studien in den USA: der „Modern Austrian Literature“, kurz MAL genannt, die es bereits seit den sechziger Jahren gibt.
Mit Gartenarbeit, Musikhören, Backen und Kochen entspannt sie sich regelmäßig von der geistigen Arbeit: „Nichts ist feiner als einen frischen Germzopf aus dem Rohr ziehen zu können oder dem blühenden Hibiskusstrauch welke Blätter abzupfen zu können!“
Fernweh statt Fernseher
Die Vorliebe für alles, was mit Büchern und Lesen zu tun hat, wurde Maria-Regina Kecht praktisch in die Wiege gelegt. Der Vater war Buchhändler bei der Tyrolia in Innsbruck. „Die Liebe zu Büchern und vor allem zur Literatur wurde zuhause von den Eltern praktiziert und mir zweifellos weitergegeben“, sagt sie und ergänzt: „Aufgewachsen bin ich ohne Fernseher—was ich auch bis heute so belassen habe!“
Eigentlich wollte sich Maria-Regina Kecht nach der Matura in Innsbruck für Englisch und Völkerrecht inskribieren. Um, wie sie sagt, „die Grundfaktoren des Kalten Krieges zu studieren“. Aber da es damals nicht möglich war, sich an zwei verschiedenen Fakultäten einzuschreiben, entschied sie sich für Amerikanistik und Slawistik. Für ihren Wunsch, ganze drei Jahre ihres Studiums an ausländischen Hochschulen zu verbringen, musste sie sich damals noch an ihrer Heimatuniversität rechtfertigen. Doch sie setzte sich gegen alle Widerstände durch und studierte ein Jahr in Schottland, eines in der damaligen Sowjetunion und ein Jahr an einer amerikanischen Universität. „Die beiden großen Einflusssphären Amerika und Russland zu studieren hat mich von Anfang an fasziniert; die Auslandsjahre waren außerordentliche ‚Lehr- und Wanderjahre’“, sagt sie heute zu dieser wichtigen Erfahrung, die ihr ganzes späteres Leben beeinflussen sollte.
Die Liebe zu den US-Bibliotheken
Nach ihrer Rückkehr nach Österreich schloss sie ihr Studium mit einer Dissertation über Vladimir Nabokov ab. Der russische Schriftsteller war in den vierziger Jahren in die USA gegangen. Sie tat es ihm gleich - und ging mit einem Stipendium ebenfalls wieder in die Vereinigten Staaten. „Da ich mich während meines USA-Aufenthaltes in die Bibliotheken, vor allem die ‚open stacks’, verliebt hatte, wollte ich unbedingt dort weiterforschen“, erklärt sie heute. An der Indiana University inskribierte sie sich für ein weiteres Doktoratsstudium in Komparatistik.
Seit zwanzig Jahren lebt, forscht und arbeitet sie nun in den Vereinigten Staaten. Ihr Weg führte von einem privaten College im Nordosten des Landes zu einer mittelgroßen staatlichen Forschungsuni in Connecticut und schließlich zur Rice University in Houston, Texas, wo sie heute lehrt. „Das Fehlen der österreichischen akademischen Hierarchie hat mir bestens gepasst: auch als beginnender Assistant Professor musste ich nicht für irgendeinen Ordinarius Hilfsdienste verrichten sondern konnte in meiner Lehre und Forschung von vornherein das machen, was mich interessierte“, gibt sie als Erklärung für ihre lange Abwesenheit von der Heimat an.
Rückkehr in die Heimat?
Neben der Literatur ist Kecht ihrer zweiten Passion - dem Fernweh - auch in ihrer späteren Laufbahn als Professorin treu geblieben: Sie kümmerte sich intensiv um die Auslandserfahrungen ihrer StudentInnen und versuchte mit Erfolg, ihnen „die Vorteile von Fremdsprachenkenntnissen und interkultureller Kompetenz schmackhaft zu machen“. So baute sie beispielsweise neue Studienprogramme auf, in denen sie das Erlernen von Fremdsprachen mit den Natur- und Ingenieurswissenschaften verband.
Doch jetzt zieht es sie selbst zurück nach Österreich. Ihre 16-jährige Tochter, mit der sie regelmäßig die Sommermonate und die Weihnachtszeit in Innsbruck verbringt, plant in Europa zu studieren. Und so sieht sich Maria-Regina Kecht momentan nach einer adäquaten Stelle im Bildungs- oder kulturwissenschaftlichen Bereich um. Bisher noch ohne Erfolg.
„Soviel die Rede sein mag in den Medien davon, dass man flexible, international ausgebildete ÖsterreicherInnen sucht, die in Leitungspositionen tätig sein könnten, so wenig scheint das auf die Wirklichkeit zuzutreffen.“Aber das ist sicherlich nur noch eine Frage der Zeit. Denn nicht nur Fernweh, sondern auch Heimweh kann bekanntlich Berge versetzen.