Brain Drain in „Reinkultur“ – über die Mobilität von MathematikerInnen

In 3-jähriger Arbeit verfasste Andreas Breinbauer seine Dissertation zum Thema „Mobilität österreichischer und ungarischer Mathematiker. Ein Beitrag zur Brain Drain-Debatte in einem kleinen Segment Hochqualifizierter.“ Ziel der Arbeit ist eine quantitative und qualitative Erfassung des viel zitierten Brain-Drain. Die Arbeit im Fach „Geografie“ ist nun abgeschlossen, „Breinbauer trifft brainpower“ und gewährt uns erste Einblicke in die spannenden Ergebnisse.
Ihre Untersuchungsgruppen sind österreichische und ungarische MathematikerInnen. Wieso gerade diese Gruppen?
Die medial, aber auch wissenschaftlich geführte Brain Drain-Debatte leidet unter einem eklatanten Mangel an validen Daten. Aussagen über die Abwanderung von Hochqualifizierten bzw. Wissenschaftlern haben daher vielfach nur einen anekdotischen Charakter. Für den OECD-Bereich gibt es erst nach der Jahrtausendwende einen ersten Überblick, wie viele Hochqualifizierte sich im Ausland befinden, aber auch diese Studien (z.B. Docquier und Marfouk, 2005, bzw. OECD, 2005) kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen.
Ein weiterer, aus meiner Sicht gravierender Mangel ist, dass aus diesen Statistiken, die meist auf Census-Daten beruhen, nicht ersichtlich ist, wo die Ausbildung erfolgte. Daher war es im empirischen Teil meiner Arbeit das Ziel, in einem schmalen Segment der Hochqualifizierten, nämlich dem der Mathematiker im F&E-nahen Bereich, etwas mehr Klarheit zu schaffen, und zwar sowohl qualitativ als auch quantitativ. Weiters habe ich die langfristige Auswärtsmobilität der Mathematiker in Relation zum Output an Mathematikern in Österreich und Ungarn betrachtet.
Warum Mathematiker? Dahinter steckt die durch die wissenssoziologische Literatur und Experteninterviews gestützte Annahme, dass die Mathematiker im Unterschied zu anderen Disziplinen (wie etwa der experimentellen Physik) weniger apparateabhängig sind und somit relativ unabhängig von der Infrastruktur ihre Kompetenzen weltweit einsetzen können; daher kann an ihnen Brain Drain sozusagen in Reinkultur untersucht werden.
Warum habe ich das Vergleichsland Ungarn genommen? Die Größe eines Landes bestimmt in gewissem Umfang auch die Quantität des Brain Drain (kleinere haben in der Regel einen relativ gesehen größeren Brain Drain). Der Bezug zu Ungarn ergab sich ganz einfach durch die vergleichbare Größe der beiden Länder, aber natürlich auch aus forschungspraktischen Gründen.
Ein interessantes Ergebnis sind Gesamtzahlen zu AkademikerInnen im Ausland. Wie sehen diese Zahlen aus?
Nach meinen Auswertungen auf Basis der Angaben der OECD (2005) befanden sich zur Jahrtausendwende 102.504 österreichische Akademiker im Ausland, wobei mehr als die Hälfte in Deutschland (26,8 %) und den USA (25,6 %) gelandet ist (siehe Abb.1). Auf Platz 3 folgt die Schweiz.
Gemessen an der Gesamtzahl der Auslandsösterreicher bedeutet das (auf der Basis der Angaben von Docquier und Marfouk, 2005, die insgesamt von einer höheren Zahl von österreichischen Auslandsakademikern ausgehen) einen Akademikeranteil von knapp 35 %, eine doppelt so hohe Quote wie im Ursprungsland Österreich selbst. Auf ungarischer Seite waren es zum besagten Zeitpunkt (auf Basis der OECD-Daten) 91.175 Personen. Mit knapp 35 % lebt die Mehrheit in den USA, gefolgt von Kanada (17,1 %) und Australien (10,7 %). Die hochqualifizierten Ungarn sind also deutlich anders verteilt, als die Österreicher. Übereinstimmungen gibt es aber in der Selektivität, also dem Akademikeranteil gemessen an der Gesamtanzahl der Immigranten, bezüglich der Zielländer. Klar voran liegt hier Australien. Knapp 50 % aller österreichischen Immigranten sind Akademiker, bei den Ungarn sind es knapp über 43 %.

Abb.1: Bestand an hochqualifizierten (tertiär gebildeten) österreichischen Emigranten im Ausland –Top-10-Zielländer. Quelle: Breinbauer, 2007, S.158, auf Basis der OECD, 2005.
Gibt es auch Zahlen, wie viele AkademikerInnen nun tatsächlich in der Wissenschaft tätig sind?
Die genaue Zahl der österreichischen Wissenschaftler im Ausland ist nicht bekannt. Eines der wenigen Länder, in dem diesbezügliche Daten vorliegen (auch Deutschland ist diesbezüglich „terra incognita“), ist die Schweiz. Im Jahr 2003 waren in der Schweiz 493 Forscher aus Österreich gemeldet. Aber leider wird auch in dieser Statistik nichts darüber ausgesagt, ob die Österreicher bereits in der Schweiz studiert hatten oder nicht. Unter der Annahme, dass der Anteil des wissenschaftlichen Personals unter den in Österreich lebenden Akademikern (ca. 6,3%) bei den österreichischen Akademikern im Ausland gleich hoch ist, könnte man von einer Gesamtzahl von ca. 6.500 österreichischen Wissenschaftlern im Ausland ausgehen. Das ist aber, wie gesagt, eine erste, sehr vorsichtige Annahme.
Wie verhält es sich nun bei den MathematikerInnen?
Eine Vollerhebung aller Mathematiker ist praktisch unmöglich. In Summe konnte ich nach einer langen und aufwändigen Recherche 79 österreichische und 124 ungarische Mathematiker als sogenannte „reduzierte Grundgesamtheit“ im Ausland identifizieren und zum großen Teil auch befragen. Für die Österreicher ist Deutschland (46 %) ganz klar Zielland Nummer 1, gefolgt von den USA (29 %) und der Schweiz. Das Verteilungsmuster entspricht daher etwa dem der hochqualifizierten Österreicher im Allgemeinen.
Die Hauptzielländer der Ungarn sind hingegen die USA (mit 63 %), Kanada (14 %) und Großbritannien (9 %). Deutschland spielt für sie kaum eine Rolle, obwohl auf studentischer Ebene ein reger Austausch herrscht, und Deutschland auch vergleichsweise viele ungarische Marie-Curie-Stipendiaten anzieht. Für Österreich bildet unser Nachbarland durch die sprachliche und kulturelle Nähe praktisch einen erweiterten Arbeitsmarkt und ist zudem auch eine Art Warteraum für Rückberufungen nach Österreich, wenn dort eine passende Stelle frei wird. „Hot-Spots“ sind Berlin, München oder Darmstadt. Die Ungarn sind in höchster Konzentration in London, New York und in Piscataway (USA) anzutreffen.
Was sind die Gründe für die MathematikerInnen, ins Ausland zu gehen?
Für die Wissenschaftler beider Länder gilt: Verbesserung der fachlichen Kenntnisse, der Karrierechancen, der Karrieremöglichkeiten und im weiteren Sinne das bessere Arbeitsumfeld. Eine zusätzliche Motivation, speziell für die Österreicher, ist die Möglichkeit einer Spezialisierung. Die Ungarn waren signifikant stärker durch die höheren Gehälter, die besseren Arbeitsbedingungen, die besseren Fundingmöglichkeiten und generell durch die angenehmeren Lebensumstände für die Auswärtsmobilität motiviert. Als wesentlichster Verursacher des Brain Drain aus Ungarn werden daher ökonomische Faktoren, vor allem das geringe Gehalt der Forscher in Ungarn gesehen. Im Unterschied zu den Österreichern gibt es unter den Ungarn zahlreiche Wissenschaftler, die aus politischen Gründen abgewandert sind („Forced Migrants“). Bis in die 1980er Jahre war ja eine Abwanderung eine Hopp- oder Tropp-Entscheidung und eine Rückkehr praktisch unmöglich.
Sind die MathematikerInnen untereinander und mit der heimischen Community vernetzt?
7 von 10 der befragten österreichischen und 9 von 10 befragten ungarischen Auslandsmathematikern hatten noch Kontakt mit heimischen Forschungseinrichtungen. Der Kontakt der ungarischen Auslandsmathematiker dürfte sowohl mit den Heimatinstitutionen, als auch mit den Landsleuten im Ausland enger sein, als der der Österreicher. Die Zahl der Kontaktpersonen ist bei den Ungarn durchschnittlich doppelt so hoch, auch Personen, die keinen Kontakt mit heimischen Forschungsreinrichtungen haben, sind in der ethnischen Forschungscommunity im Ausland zum Teil sehr stark eingebettet.
Die Auslandsungarn sehen sich auch deutlich stärker in einer Brückenkopffunktion, kulturelle und sprachliche Bindungen spielen im Gegensatz zu den Österreichern für sie eine erhebliche Rolle. Als größter Bindungsfaktor für eine Zusammenarbeit erweist sich in beiden Untersuchungsgruppen die Studienkollegenschaft.
Ist der Weg ins Ausland mehr eine Einbahnstraße oder kehren die WissenschaftlerInnen wieder zurück?
Die befragten Auslandsmathematiker waren bereits während des Studiums besonders mobil: Jede vierte Person des Untersuchungsfeldes hatte im Lauf der tertiären Ausbildung einen Auslandsaufenthalt absolviert. 80% der Österreicher und 70% der Ungarn gelangten über mehrere Destinationen zu ihrem Zielort, wobei die Mehrheit der befragten Österreicher das Doktorat noch in Österreich absolvierte. Im Gegensatz dazu gingen die meisten Ungarn zum PhD-Studium ins Ausland.
Sowohl bei den Ungarn als auch bei den Österreichern hatten vier von fünf Personen ein fixes Dienstverhältnis im Ausland, beinahe jeweils die Hälfte der befragten Personen arbeitete als Full Professor.
Es wurde auch die Rückkehrbereitschaft der Auslandsmathematiker abgefragt. In meiner Befragung gab etwa die Hälfte der befragten ungarischen und ca. 2/3 der befragten österreichischen Mathematiker an, permanent im Ausland bleiben zu wollen. Die Ungarn dürften sich die Option einer Rückkehr stärker offen halten. Auf die Frage, was sie jüngeren Kollegen empfehlen würden, plädierten beide Untersuchungsgruppen mehrheitlich für einen mehrjährigen Aufenthalt im Ausland, also „Brain Circulation“. Sowohl der Verbleib in Ungarn/Österreich, als auch die permanente Auswanderung wird in beiden Untersuchungsgruppen lediglich von einer kleinen Minderheit nahegelegt.
Welche Schlüsse ziehen Sie aus den Ergebnissen? Können Sie Empfehlungen im Umgang mit Brain Drain geben?
Ich beziehe mich hier zunächst einmal auf die Befragungsergebnisse der Auslandsmathematiker. Auf die Frage, was die heimische Regierung gegen den Brain Drain unternehmen sollte, gab es gravierende Unterschiede in beiden Untersuchungsgruppen: Die Ungarn empfehlen ganz konkret die Anhebung der Gehälter sowie die Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen.
Die Österreicher empfehlen in erster Linie Verbesserungen im institutionellen Bereich. Häufig genannt wurden eine stärkere Internationalisierung der heimischen F&E-Landschaft, keine Hausberufungen, Berufungen nach meritokratischen Kriterien, Aufbau erstklassiger Forschungseinrichtungen, flachere Hierarchien, Bürokratieabbau.
Nach den vorliegenden Daten, dürfte das Ausmaß des fachspezifischen Brain Drain in Ungarn höher sein als bei den Österreichern. Aus Ungarn waren in den letzten beiden Jahrzehnten ca. 2-9% (je nach Betrachtungsperiode und Definition „Mathematiker“) der graduierten Mathematiker ausgewandert bzw. vorläufig endgültig auswärtsmobil, bei den Österreichern waren es etwa 1%. Wie auch die qualitativen Interviews zeigten, dürfte die Einbindung der Auslandsungarn in den heimischen Lehr- und Forschungsbetrieb stärker sein als bei den Auslandsösterreichern.
Gemäß der Diaspora Option sollte daher die Vernetzung der österreichischen Auslandsforscher mit der heimischen Forschungscommunity weiter verstärkt werden, z.B. durch Einbindung in Summer Schools, als Gutachter, Sabbaticals. Damit könnte auch das teilweise „eingefrorene“ Bild der heimischen F&E-Landschaft relativiert und korrigiert werden. Umgekehrt hätten junge heimische Nachwuchswissenschaftler die Möglichkeiten, Andockstellen im Ausland kennenzulernen, was bei den Ungarn ja eine weit verbreitete Praxis ist.
Generell sollte man die Fragen der Mobilität etwas entspannter sehen.
| Zur Person: Prof. (FH) Mag. Dr. Andreas Breinbauer ist Vizerektor der Fachhochschule des bfi Wien GmbH und leitet den Studiengang „Logistik und Transportmanagement“ sowie den MBA „Central and South Eastern Europe“. Er studierte Geografie, Psychologie, Philosophie und Pädagogik (Lehramt) sowie BWL in Salzburg und Innsbruck. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Mobilität von Hochqualifizierten; Investitionsbedingungen, Logistik/Transportmanagement und HR-Management in Mittel- und Osteuropa. | |||
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Mehr Informationen zur Arbeit von Andreas Breinbauer finden Sie in einem Artikel der SWS-Rundschau (48. Jg.) Heft 2 / 2008 : 167–190 |
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