Im Portrait: Dr. Barbara Brandner

Barbara Brandner hat in Graz Pharmazie studiert und forscht seit 2006 an der amerikanischen Ostküste am Dana-Farber Cancer Institute / Harvard Medical School in Boston.

Von Zeilen und Buchstaben

Schon als Kind hatte sie viele verschiedene Interessen und eines ist bis zum heutigen Tag geblieben, nämlich die Leidenschaft zu lesen, praktisch alles, was sie in die Finger bekommt. Da kann die Nacht schon einmal zum Tag werden. Nicht nur ganze Zeilen, sondern auch einzelne Buchstabenkombinationen spielen für Barbara Brandner eine große Rolle. Zwei davon sind UNO und WHO. Dolmetscherin bei der UNO war ein früher Berufswunsch der gebürtigen Oberösterreicherin. Aber als sie für sich feststellte, dass eigener Input gerade in dieser Branche nicht gefragt ist, hat sie die Idee verworfen. Dennoch, die Buchstaben blieben hängen, und irgendwann einmal für eine internationale Organisation tätig zu sein, kann sie sich immer noch vorstellen.

Zuhause in den Naturwissenschaften

Obwohl in ihrer Schulzeit Naturwissenschaften kein wirklicher Schwerpunkt waren, haben sie die Fächer Ernährungswissenschaften, Biologie und Chemie schon in der HBLA-Zeit sehr interessiert. Das war auch der Grundstein für die Studienwahl Richtung angewandte Naturwissenschaften. Von all den Möglichkeiten schafften es schließlich Medizin und Pharmazie auf ihre akademische Bestsellerliste. Pharmazie ist es dann aus dem Grund geworden, weil sie sich noch nicht so festlegen wollte und das Studium eine breite Grundlage vermittelt. Eines war Barbara Brandner allerdings von Anfang an klar: Nicht die Apotheke, sondern das Forschungslabor soll der Ort sein, wo sie ihren weißen Mantel tragen will.

Die Forschung und der Weg nach Übersee

Die vielen Laborpraktika faszinierten sie schon im Studium und wie spannend pharmazeutische Forschung sein kann, durfte sie dann hautnah miterleben, nicht nur in Österreich, sondern auch in den Labors der Lilly Research Laboratories in Hamburg. Von da an wusste sie: Sie wird Forscherin und wird einmal ins Ausland gehen. Zuvor gab es aber noch einiges zu tun, zum Beispiel das Doktorat abzuschließen, ebenfalls an der Universität Graz. Ihr Forschungsschwerpunkt waren Chemokine, ihre Beteiligung bei Zellwanderung und Entzündung, und die Möglichkeiten der Biotechnologie, durch gezielte Veränderung dieser Proteine in diese Prozesse einzugreifen. In dieser Zeit gründete ihr Doktorvater Andreas Kungl eine Start-up Biotechnologie Firma und plötzlich tauchten dann ganz andere spannende Dinge auf, wie Patente, der Nachweis der Wirksamkeit im Tiermodell und der Traum, tatsächlich ein Medikament mit zu entwickeln.

Am Dana-Farber Cancer Institute in Boston bekam sie von Barrett Rollins das Angebot, an einer sehr seltenen Kinderkrankheit zu forschen, bei der bestimmte Zellen des Immunsystems in verschiedene Organe fehlgeleitet werden und diese zerstören. Diese Forschungsarbeit ist eine echte Herausforderung für sie, aber ihre natürliche Neugier und ihre Art, Dinge gerne selber anzupacken, kamen ihr dabei sehr gelegen. Gerade aktuell geht ihre Gruppe einen neuen Weg und arbeitet an der Erstellung eines transgenen Mausmodells dieser Erkrankung. Der Prozess ist aber sehr langwierig und der Erfolg ungewiss. Besonders stolz ist Barbara Brandner darauf, dass sie seit kurzem ihre Forschung selbst finanzieren kann, mittels einer Förderung der Histiocytosis Association of America und einem Schrödinger Stipendium des FWF.

Eine fruchtbare Umgebung

Barbara Brandner schwärmt von der hohen akademischen Dichte rund um Boston und ihrer derzeitige Arbeitsumgebung. Nur einen Block weiter befinden sich die Harvard Medical School, Forschungsinstitutionen und Spitäler wie das Children’s Hospital Boston, Brigham and Women’s Hospital, Beth Israel Deaconess Hospital und viele andere. Es gibt täglich spannende Konferenzen, Seminare und Vorträge zu allen nur denkbaren Themen in der unmittelbaren Nachbarschaft und die Dichte an Spitzenforschung ist einfach motivierend. Auch das dort herrschende Motto „Alles ist möglich, du musst es nur versuchen“ genießt sie sehr.

Die Pharmazeutin hat sich ganz der Wissenschaft verschrieben, weiß aber aus Erfahrung, dass auf „gute“ Tage oft tage- oder wochenlange Durststrecken folgen können. Auch den immer stärkeren Drang zur Spezialisierung am Karriereweg spürt sie deutlich, doch sieht sie sich als Pharmazeutin mehr als Generalistin. Das multikulturelle Umfeld ist ein entscheidender Pluspunkt in ihrer Auslandsgeschichte. Einmal im Ausland zu leben ist wichtig für die eigene Persönlichkeitsbildung und lässt sie den „Tunnelblick“ verlieren.

Abseits des Karrierewegs

So sehr Barbara Brandner ihre Arbeit auch liebt, Labortüren müssen auch einmal geschlossen bleiben. Ein wichtiger Ausgleich zu ihrer Arbeit waren schon immer soziale Aktivitäten. In Graz war sie zum Beispiel in der ÖH sehr aktiv, in Boston folgte sie kurzerhand dem Aufruf des European Club und fand sich daraufhin mitten im Organisationsteam der diesjährigen European Career Fair am Massachusetts Institute of Technology (MIT) wieder. Dort  schaute sie auch gleich früh morgens beim brainpower austria Messestand vorbei.
Die Region Boston bietet einiges an Freizeitgestaltungsmöglichkeiten, praktisch alles, was sich die Naturwissenschaftlerin von der Natur erwartet: Den Atlantik mit zerklüfteten Küsten, Seen und Berge. Die Bergwelt hat es ihr auch mittlerweile auch angetan, komischerweise aber erst, seit sie nicht mehr in Österreich lebt. Nach Europa möchte sie aber auf jeden Fall wieder zurück, wann und wo sie landen wird, wird sich noch zeigen.


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