Im Portrait: Dr. Alexej Jerschow

Greenwhich Village, ein Stadtteil mitten im Herzen von New York City, ist bekannt für sein pulsierendes Stadtleben und multikulturelles Flair. Es bietet aber noch einiges mehr, zum Beispiel internationale Spitzenforschung. Alexej Jerschow lebt und forscht in der Stadt, die frei nach Frank Sinatra niemals schläft. Seit 2001 ist er an der New York University (NYU) als Associate Professor of Chemistry tätig.
Von Russland nach Österreich
Alexej Jerschow wurde in Moskau geboren, seine Mutter ist Österreicherin, sein Vater Russe. Mit 7 Jahren übersiedelte die Familie nach Linz, wo er auch seine Schul- und Studienzeit verbrachte. Von der Zeit in Moskau sind nur wenige Erinnerungen geblieben. Am ehesten noch an die Moskauer Metro, denn der Geruch im New Yorker Ubahnsystem erinnert ihn sehr oft daran. Jerschow studierte Wirtschaftsingenieurwesen – Technische Chemie (WITECH) an der Universität Linz und absolvierte danach auch sein Doktorat zum Thema Methodenentwicklung in der kernmagnetischen Resonanzspektroskopie zur Untersuchung von Polymeren.
Die Faszination für Wissenschaft entwickelte er als Teenager, insbesondere das Interesse an Mathematik, Physik und Chemie. Die Studienwahl fiel schließlich zugunsten von WITECH aus, weil ihm das mehr praxisorientiert erschien.
Von Österreich aus quer durch Europa und noch weiter
Andere Länder und Kulturen haben Alexej Jerschow schon immer interessiert. Um seinen selbst betitelten „Hunger nach Erfahrungen“ zu stillen, folgte er kurzerhand seinem Doktorvater, der zu dieser Zeit eine Gastprofessur in Norwegen inne hatte, für 1 Jahr nach Trondheim. Kurz darauf verschlug es ihn an die Universität von Lausanne in die Schweiz, wo er insgesamt 2 Jahre als Postdoc arbeitete. Direkt im Anschluss folgte er einer Einladung nach Berkeley an die University of California. Mittels eines Schrödinger-Stipendiums konnte Jerschow die Einladung nicht nur annehmen sondern den darauf folgenden 2-jährigen Forschungsaufenthalt auch selbst finanzieren. Nach dieser zweiten Postdoc-Stelle gab es für ihn Möglichkeiten in Paris und Washington DC zu forschen oder ein Angebot der NYU anzunehmen. Die Wahl fiel Alexej Jerschow nicht schwer, besonders weil auch seine Frau eine Anstellung in New York angenommen hatte. Der Zufall spielte eigentlich bei praktisch allen Wegpunkten bis nach New York eine gewichtige Rolle, und bisher hat er sie gut gespielt.
Von Gemälden und Gelenksschmerzen
Das international besetzte Jerschow-Lab arbeitet im Bereich Kernmagnetische Resonanzspektroskopie (NMR-Spectroscopy) und der Anwendung zur Strukturuntersuchung von Molekülen, Materialeigenschaften sowie Medizinisches Imaging (Magnetic Resonance Imaging). Jerschow taucht mit seinen Erfolgen nicht nur in der einschlägigen Fachpresse auf, sondern auch in populärwissenschaftlichen Nachrichten. In den letzten Jahren gelang ihm das insbesondere durch einige spannende Ergebnisse: Zum einen konnten er und sein Team den Prozess des Verblassens von Ultramarin-Blau auf Gemälden und Fresken aufklären. Zum anderen sorgte in jüngster Zeit die Entwicklung einer Methodik zur Früherkennung von Arthritis und Bandscheibenschäden für Aufsehen. Zusammen mit Professor Norbert Müller von der Uni Linz, zeigte Jerschow weiters wie man völlig zerstörungs- und strahlungsfrei Imaging machen kann, durch Ausnutzung von natürlichen Fluktuationen der magnetischen Momente von Atomen. So unterschiedliche Anwendungen aus einem Labor – das zeigt, wie interdisziplinär Forschung sein kann.
In Verbindung bleiben
Alexej Jerschow ist viel unterwegs. Auf seiner Website kann man aktuell von 10 Konferenzen in 2008 lesen, wo er als Sprecher auftreten wird. Diese Wege werden ihn zum Beispiel quer durch die USA, Kanada oder nach Russland führen. Mit Österreich pflegt er natürlich eine besondere Beziehung, allein schon dadurch, dass seine Eltern nach wie vor in Linz leben und sein Bruder im westlich gelegenen Burghausen. Österreich bezeichnet er ganz einfach als seine Heimat, und so wird es wohl auch bleiben. Beruflich gibt es ebenfalls enge Kontakte zu seiner Stammuniversität in Linz. Jerschow ist fixer Bestandteil gemeinsamer Projekte, schafft Möglichkeiten des Austausches von ForscherInnen der NYU und der Universität Linz und ist auch gern gesehener Teilnehmer an verschiedenen Konferenzen und Workshops. Alexej Jerschow kennt verschiedene Universitätssysteme aus eigener Erfahrung. Ist es in den USA die frühe Eigenständigkeit oder in Österreich die Infrastruktur, so hat jedes System seine Vorteile, aber natürlich auch Nachteile. Das Schweizer System ist für ihn eine Art „goldene Mischung“. Auch wenn eine Rückkehr nach Österreich derzeit kein Thema bei den Jerschows ist, kommen sie immer wieder gerne zurück, denn Skifahren lässt es sich hier zu Lande immer noch besser, als im Big Apple.