Im Portrait: Dr. Yirsaw Ayalew, PhD
Mit dem Handy gegen das Virus
Fragt man Dr. Yirsaw Ayalew was ihm in seiner neuen Heimat am meisten fehlt, dann ist die Antwort: „Das Essen!“ Genauer gesagt, die äthiopische Küche mit ihren scharfen Gewürzen und dem sauren Fladenbrot Injera, das aus dem nur am Horn von Afrika vorkommenden Getreide Teff hergestellt wird.
Heimat geht durch den Magen
Der gebürtige Äthiopier, der momentan in Botswana lebt, kennt sich aus in den verschiedenen afrikanischen und europäischen Lebens- und Arbeitswelten, führten ihn doch viele seiner Forschungs- und Kongressaufenthalte nach Europa und in die USA. So auch in diesem Jahr, in dem er durch die Unterstützung von brainpower austria im März zu einer Veranstaltung nach Innsbruck kam. „Was ich wirklich an meiner alten Heimat Äthiopien vermisse, ist das besondere äthiopische Essen. Botswana ist ein kleines Land und hier gibt es keine äthiopischen Restaurants. Ganz anders als in den großen Städten in Europa und Nordamerika, wo ich immer wieder neue Entdeckungen mache.“
Doktor in Klagenfurt
Der afrikanische Computerwissenschaftler Yirsaw Ayalew wurde 1966 in Äthiopien geboren, wo er auch zunächst studierte. Dank eines österreichischen Stipendiums konnte er 2001 seinen Doktor in Klagenfurt machen. Heute lehrt er an der Universität in Botswana Mathematik, Informatik und Software Engineering.
Botswana - das Musterland Afrikas
Wie elementar wichtig der Austausch zwischen Wissenschaftlern verschiedenster Länder und Gesellschaften ist, zeigt einmal mehr das Beispiel von Ayalew, der in Botswana seine Fachkompetenz in einem Projekt des Gesundheitssystems einsetzen kann. Botswana gehört mit nur knapp zwei Millionen Einwohnern zu den am dünnsten besiedelten Ländern der Erde und unterscheidet sich nicht nur von der Küche her von Äthiopien und anderen afrikanischen Staaten. Wegen seiner politischen Stabilität und seinem Wirtschaftswachstum wurde es oft als "Musterland" Afrikas bezeichnet. Doch die AIDS-Rate, die mit 25 Prozent besonders hoch ist, entwickelt sich immer mehr zu einer tickenden Zeitbombe für die Gesellschaft und die Wirtschaft: Die durchschnittliche Lebenserwartung ist in den letzten Jahren massiv gesunken und immer mehr Kinder werden zu Waisen.
Mit Informationen gegen die Krankheit kämpfen
Deshalb startete das Land, als einer der ersten afrikanischen Staaten überhaupt, ein umfangreiches Programm gegen das Virus, bei dem auch Yirsaw Ayalew mitarbeitet. Das ehrgeizige Ziel: Jeder Infizierte soll die Medikamente bekommen, die er braucht. Da das Land aber sehr groß ist und nicht über eine flächendeckende ärztliches Versorgung verfügt, ist die Verbreitung von gezielter Information eher ein Problem als die Verteilung der Medikamente. Und genau da fängt die Arbeit von Yirsaw Ayalew an: “Wir versuchen ein integrales Gesundheits-Informations-System über das Handy zu schaffen, das es auch Patienten in weit entfernten Gebieten ohne ärztliche Versorgung ermöglicht, die Informationen zu bekommen, die sie brauchen. Beispielsweise kann ein HIV/AIDS-Patient eine SMS mit einer standardisierten Frage an das System schicken und soll dann die genau passende Information zurückbekommen.“
Europa du hast es besser
In der fehlenden Kommunikations-Infrastruktur und der schwach ausgeprägten afrikanischen Computerindustrie sieht Yirsaw Ayalew das größte Problem und den größten Hemmschuh, was die weitere Entwicklung in Afrika angeht:
„In Europa gibt es eine viel stärkere Industrie, die auch die Forschung unterstützt. Hier ist das leider anders. Dazu kommt, dass viele afrikanische Länder nur sehr schlecht mit Breitbandkabeln vernetzt sind. Und das wirkt sich auch wieder negativ auf die Produktivität von Industrie, Forschern und Studenten aus.“
Gemischte Gefühle in Österreich
An seine Zeit in Klagenfurt, wo er von 1998 bis 2001 an seiner Doktorarbeit schrieb, erinnert er sich heute noch gerne:
„Obwohl mein erster Eindruck eher mit gemischten Gefühlen einherging,“ sagt er. Einerseits fühlte er sich in der ersten Zeit als einziger afrikanischer Student an der Uni, der zudem kaum ein Wort Deutsch sprach, sehr fremd. Andererseits war er sehr bald fasziniert von den Möglichkeiten und der Infrastruktur an der Universität und in Österreich überhaupt: „Nach einer kurzen Zeit habe ich mich sehr gut eingelebt und heute ist Klagenfurt einer meiner absoluten Lieblingsorte auf der Welt.“