Im Portrait: Dr. Jakob Puchinger
Von der Mathematik zur Informatik – und zurück

Dass Algorithmen mit Mathematik zu tun haben, weiß jeder. Aber was haben Rechenvorgänge mit so spröden Namen wie „PageRank-Algorithmus“ eigentlich mit der realen Welt zu tun? Ganz einfach: Ohne sie würde es beispielsweise die Internet-Suchmaschine Google nicht geben. Informatik und Mathematik, abstrakte Formeln und ihr Nutzen für den menschlichen Alltag
- genau an dieser Verschmelzung arbeitet auch Dr. Jakob Puchinger.
„Mathematik und Physik haben mich seit der Schulzeit fasziniert“, erzählt der 1978 in Wien geborene Österreicher. Zunächst vertiefte er sich in letztere und studierte bis 1998 Physik an der renommierten ETH Zürich. „Dort habe ich dann meine Begeisterung für die Informatik entdeckt“, so Jakob Puchinger. An der TU Wien studierte er dieses Fach. Seinen Doktor, der ihm 2006 mit Auszeichnung verliehen wurde, machte er ebenfalls in den „Computer Sciences“. Und die Mathematik? „Im Laufe meines Studiums habe ich immer mehr zur Mathematik zurückgefunden und bin seit meiner Diplomarbeit auf dem Gebiet der kombinatorischen Optimierung an einer Schnittstelle der Informatik und Mathematik tätig.“
G12 anstatt G8
Wie diese Schnittstelle aussieht, hat Jakob Puchingers Forschungsarbeit in Australien gezeigt. Nach seiner Promotion in Wien ging er an das an der University of Melbourne angesiedelte National ICT Australia (Australia’s Information and Communications Technology Centre of Excellence), wo er Teil des Forschungsteams wurde, das an der Entwicklung von G12 arbeitet. Bei „G12“ handelt es sich um eine in Entwicklung befindliche Software-Plattform, mit deren Hilfe kombinatorische Optimisierungsprobleme in der Großindustrie gelöst werden sollen.
G12 soll die Industrie Australiens dabei unterstützen, vorhandene Ressourcen strategisch besser auszunützen. Hierzu gehören auch Transportwege, Kommunikationsmittel sowie Energie- und Wasserversorgung. Ein wesentliches Element, auf das diese Software-Plattform aufbaut, sind Algorithmen aus verschiedenen Fächern, die miteinander kombiniert werden.
Die Mathematik verbindet sich mit Fragen der Wirtschaft, an denen eine Vielzahl von Arbeitsplätzen hängen: Es ist also eine sichtlich relevante Schnittstelle, an der Jakob Puchinger arbeitet. „An der Optimierung und dem Gebiet des Operations Research interessiert mich besonders die Möglichkeit, meine Forschung auf reale Probleme anzuwenden“, bekräftigt er. „Diese reichen von Produktionsproblemen in der Industrie bis zu Routenplanung für Einsatzfahrzeuge.“
Transport- und Kulturoptimierung in Wien
Seit Herbst 2008 bringt Jakob Puchinger sein Wissen in das Wiener Unternehmen arsenal research ein. Die Übersiedlung nach Österreich wurde von brainpower austria durch einen Relocation Grant unterstützt. In seinem jetzigen Arbeitsbereich, der Transportoptimierung, konzentriert sich Jakob Puchinger besonders auf die Verknüpfung von Verkehrsinformationen mit Optimierungsproblemen aus der Logistik. „Unter anderem tüftle ich derzeit an Algorithmen zum Lösen von Optimierungsproblemen", fügt er hinzu, „und arbeite an wissenschaftlichen Publikationen zu diesem Thema“.
Privat genießt Jakob Puchinger das reichhaltige Wiener Kulturangebot. Nur eines fehlt noch: ein optimaler Ort für seinen Lieblingssport: „In Australien habe ich nur einige Gehminuten vom Strand entfernt gewohnt und bin dort gern gelaufen“, sagt er. In Wien muss es da eben das Umland oder das Donauufer tun.
Die Bedeutung der Perspektive
In Australien hat Jakob Puchinger beeindruckt, dass die an die akademische Leistung gebundenen finanziellen Mittel größer – und bei Erfolg auch von längerer Dauer – sind als an den meisten europäischen Universitäten, wo es für NachwuchsforscherInnen oft nur befristete, an Projekte gebundene Stellen gibt. „Es ist aus meiner Sicht aber besonders wichtig, PostDocs eine langfristige Perspektive zu bieten“, betont er, „und arsenal research ermöglicht es jungen Forschern, sich über einzelne Projekte hinaus längerfristig weiterzuentwickeln“.
Neben seiner Arbeit gehören Kontakte mit ForscherInnen bei anderen wissenschaftlichen Einrichtungen in Österreich und in Australien zu Jakob Puchingers Alltag. Im Urlaub, erzählt er, wird er auch wieder nach Australien fahren: „Der Umgang der Menschen untereinander, auch verschiedenen Ursprungs, ist dort sehr viel entspannter.“ Klingt irgendwie ganz unmathematisch und sehr nach einer weiteren möglichen Problemlösung für die reale Welt.