Im Portrait: Dr. Thomas Dechat
Wie das Leben funktioniert

„Eigentlich habe ich ja eine biochemische Ausbildung genossen, aber bin im Verlauf meiner Doktorarbeit immer mehr in den Bereich der Zellbiologie hineingerutscht“, sagt Dr. Thomas Dechat. Doch der gebürtige Wiener scheint über diesen Umstand genau so wenig unglücklich zu sein wie über seinen über fünfjährigen Auslandsaufenthalt in den USA, der ebenfalls so nicht geplant war.
Der Alterungsprozess unterm Mikroskop
Der 40-jährige Biochemiker und Zellbiologe arbeitet an der Northwestern University in Chicago, wo er sich mit dem Aufbau und der Struktur des Zellkernes von Säugetierzellen beschäftigt. Das hört sich zunächst wenig spektakulär an, doch Thomas Dechat forscht unter anderem in einem Bereich, der für viele Menschen immer wichtiger wird: Er versucht zu verstehen, was dazu führt, dass Zellen altern. „Ich habe mich schon als Kind und Jugendlicher für Biologie und Chemie interessiert.
Der Bereich aber, der mich in meiner jetzigen Forschung am meisten interessiert und vor allem fasziniert, ist, dass es mit den heutigen Mikroskopen möglich ist, sehr genaue Details über den Aufbau und über die einzelnen Strukturen in den Zellen zu erhalten. Man generiert also nicht nur Daten, sondern kann tatsächlich sehen, wie das Leben funktioniert.“
Die Mechanismen der Zelle
Im Speziellen forscht Thomas Dechat an einer Proteinfamilie, den Laminen. Diese Proteine sind an vielen zellulären Prozessen beteiligt und sehr wichtig für den Zellstoffwechsel fast aller Säugetiere, also auch des Menschen. Vor gut zehn Jahren wurde erstmals entdeckt, dass eine Mutation in dem Gen, welches für ein Protein aus der Laminfamilie zuständig ist, zu einer muskulären Erkrankung führen kann. Diese wird Emery-Dreifuss-Muskeldystrophie (EDMD) genannt und hat eine sich immer weiter verschlimmernde Muskelschwäche zur Folge. Heute weiß man, dass andere Mutationen in diesem Gen ebenfalls zu verschiedenen Erkrankungen führen können, darunter auch Krankheiten, die überschnelles Altern hervorrufen, wie z.B. das Hutchinson-Gilford-Progerie-Syndrom (HGPS).
„Besonders interessiert mich, was die Anwesenheit des mutierten Lamin-A-Proteins im Zellkern bewirkt und wie es dadurch zu dem überschnellen Alterungsprozess kommen kann. Dadurch kann ich Rückschlüsse auf die Funktion der Lamin-Proteine in einer gesunden Zelle ziehen, aber eben auch auf Mechanismen des normalen Alterungsprozesses“, erklärt er seinen Forschungsschwerpunkt.
Skyscraper statt enge Gassen
Von 1987 bis 1995 studiert Thomas Dechat Biochemie an der Universität in Wien und macht 2002 seinen Doktor. Nach einem knappen Jahr in einer interdisziplinären Forschungsgruppe am Anatomie-Institut der Medizinischen Fakultät in Wien geht er 2004 nach Chicago, wo er eine Post-Doc-Stelle bekommt - und ein Erwin-Schrödinger-Auslandsstipendium des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF).
„In Chicago kam mir alles viel größer und schneller vor, es gibt natürlich viel mehr Hochhäuser als in Wien, und keine engen Gassen“, erinnert sich Thomas Dechat an seine ersten Eindrücke in den USA. Und obwohl er sich mittlerweile an den „American Way of Life“ gewöhnt hat, fällt ihm auch heute noch auf, dass viele Menschen für ihren Job sehr schnell die Städte und Regionen wechseln: „Die Leute hängen nicht so an ihrer Heimat, sie studieren etwa in New York, gehen dann nach Kalifornien und danach nach Chicago“, hat er beobachtet.
Ein neuer Start in der alten Heimat
Momentan genießen er und seine Familie noch den Frühling und den Sommer in Chicago. Mit seinem vierjährigen Sohn geht Thomas Dechat immer wieder gerne in den Zoo, der in Chicago kostenlos ist. Und obwohl er immer noch begeistert von dieser Stadt ist, und den offenen und freundlichen Menschen, kann er sich ein Leben in den USA auf Dauer nicht vorstellen: „Ein bisschen vermisse ich schon die österreichische Lebensqualität. Daheim ist alles etwas kleiner, entspannter und überschaubarer. Zum Beispiel ist man in Wien schnell in den Bergen und muss nicht stundenlang auf dem Highway fahren.“
Im September geht er mit seiner Familie zurück nach Wien. Wie es dann weitergeht, weiß er noch nicht. „Natürlich gibt es in den USA mehr Stellen, es gibt ja auch viel mehr Universitäten und Colleges - und es ist meistens mehr Geld für die Forschung vorhanden. Aber auch hier muss man erstmal sehen, ob das so bleibt, wegen der Wirtschaftskrise.“
Derzeit bewirbt sich Thomas Dechat in Österreich. Aber auch das europäische Ausland würde für ihn in Frage kommen. Am wichtigsten ist ihm, in der Wissenschaft bleiben zu können, am liebsten in einem eigenen Labor und einer eigenen Forschungsgruppe - um im ‚alten’ Europa das Alter noch besser zu verstehen.