Im Portrait: Dr. Ines Hellmann
Die (Bio-)Chemie des Lebens

„Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“, wünschte sich Goethes Faust. Eine Motivation, die seine Landsfrau Dr. Ines Hellmann teilt, wenn auch moderner gesprochen: „Ich habe die Mechanismen des Lebens schon immer sehr interessant gefunden und habe dann Biochemie studiert, weil ich das Gefühl hatte, dass diese Wissenschaft versucht, den Sachen auf den Grund zu gehen: Die Chemie des Lebens eben. Wenn man dann weiter ‚warum’ fragt, dann landet man unweigerlich bei der Evolution, in meinem Fall bei der molekularen Evolution.“
Ines Hellmann wurde 1977 in Dresden geboren; Biochemie studierte sie in der anderen großen Stadt Sachsens, in Leipzig, wo sie auch ihren Doktor machte und danach noch ein Jahr Postdoctoral Fellow war. 2006 ging Ines Hellmann an die Universität von Kopenhagen, wo sie in der ForscherInnen-Gruppe um Rasmus Nielsen arbeitete. Im Rahmen dieser Gruppe konnte sie 2008 dann an der renommierten University of California, Berkeley, am Department of Integrative Biology weiterforschen.
Was führt zu Mutation und Selektion?
Seit Mai 2009 ist Ines Hellmann Junior Group Leader an den Max F. Perutz Laboratories des Vienna Bio Centers der Universität Wien. Der berufliche Wechsel nach Österreich wurde von brainpower austria durch einen Interview und einen Relocation Grant unterstützt. „Momentan bin ich aber noch mehr Senior PostDoc als Junior Group Leader“, erzählt die Biochemikerin über ihre neue Stelle, „ich bin gerade erst dabei, mich um Geld für Studenten zu bewerben.“
Die Forschungsarbeit von Ines Hellmann beschäftigt sich mit der Genomik, also dem Erbgut von Lebewesen. Der Bereich der „Genome Evolution“ dringt, faustisch gesagt, bis „ins Innerste“ des Erbguts, der DNA-Sequenz, vor, und versucht herauszufinden, welche Faktoren genetische Variationen beeinflussen, also zu Mutation und Selektion führen. „Ich beschäftige mich damit, was wir aus der Sequenz über den Organismus lernen können“, erklärt Ines Hellmann, „genauer gesagt, ich versuche, verschiedene Aspekte der neutralen DNA-Sequenz-Variation als Basis für die Identifikation der natürlichen Selektion zu bestimmen – vor allem im menschlichen Genom.“
Die Evolution Wiens in der Evolutionsforschung
„Die Möglichkeiten für die Evolutionsforschung sind in Wien sehr gut“, berichtet Ines Hellmann von ihren ersten Eindrücken und Erfahrungen, „und sie haben noch größeres Potential.“ Sie präzisiert, dass das IST Austria (Institute of Science and Technology) in Klosterneuburg mit Nick Barton einen Schwerpunkt in diesem Bereich setzen wird, „und er wird in den nächsten zwei Jahren sicher viele gute Forscher aus dem Gebiet hierher holen“. Zudem, fügt sie an, wird Magnus Nordborg der neue Direktor des GMI Wien (Gregor Mendel Institute of Molecular Plant Biology), „er ist auch ein sehr etablierter und renommierter Forscher für molekulare Evolution“. Schließlich, auf der theoretischen Seite, „ gibt es dann hier noch meinen Chef Joachim Hermisson und Reinhard Bürger, beide in der Mathematik – diese Abteilung hat auch schon eine lange Tradition in theoretischer Evolution.“
Amerika: weniger Kommunikation aber bessere Anstellungssaussichten
Ines Hellmann betont auch, wie wichtig es ist, sich mit anderen WissenschaftlerInnen auszutauschen, um weiter zu wachsen. „Derzeit sind wir noch ‚zur Untermiete’ beim IMBA, dem Institut für Molekulare Biotechnologie, und ich finde, die Arbeitsumgebung hier ist viel besser ‚designed’ als in Berkeley.“ Was ist mit dem Arbeitsplatz-‚Design’ genauer gemeint? „Es gibt viele Bereiche, wo man sich gut unterhalten kann, das gab es in Berkeley nicht, und da habe ich das sehr vermisst. Denn Wissenschaft ist zu einem großen Teil Kommunikation.“
Als Nachteil zur Forschungsarbeit in Amerika benennt sie, dass es in Europa kein ‚Tenure Track’-System gibt: NachwuchswissenschaftlerInnen erhalten zunächst einen zeitlich befristeten Vertrag, in dessen Rahmen sie ihre Arbeit im Vergleich zu europäischen Forschungseinrichtungen sehr frei verantworten. Am Ende dieser Periode, zumeist nach sechs bis sieben Jahren, bekommen sie, wenn sie erfolgreich waren, die Tenure – die unbefristete Anstellung. „Die Festanstellung zu erreichen, ist in den USA immer noch leichter“, fasst Ines Hellmann zusammen.
Banalitäten neben der Biochemie
Aufs Private angesprochen erzählt Ines Hellmann zunächst von der Wohnungssuche in Wien. Diese „Banalität des Alltags“ hat sie sehr viel Zeit gekostet, Verlaufen in der neuen Umgebung inklusive. Begleitet wird sie auf ihren Spaziergängen von ihrem Hund Lola. „Ich würde gerne wieder Hundesport mit ihr anfangen“, sagt sie über ihre Freizeitpläne nach Bewältigung der Einstiegsschwierigkeiten. „Und ich gehe auch gerne wandern und treffe mich mit Freunden beim Heurigen oder im Biergarten.“ Draußen – ob in Leipzig, Kopenhagen, Kalifornien oder Wien - ist es ja auch viel schöner als in Auerbachs Keller, dem dunklen Ort, mit dem Faust vorlieb nehmen musste.