Im Portrait: Branislav Micusik, PhD

Von künstlicher und menschlicher Intelligenz

Sollte es eines Tages wirklich möglich sein, Maschinen eine Art komplexe künstliche Intelligenz zu implementieren, dann werden Branislav Micusiks Forschungen dazu ein wenig beigetragen haben.
„Wir bringen Computern, Maschinen oder Robotern das Sehen bei. Oder besser gesagt: wir bringen ihnen bei, zu verstehen, was sie da aufzeichnen – beispielsweise durch Gesichtserkennungsprogramme“, erklärt der gebürtige Slowake seine derzeitige Forschungsarbeit am AIT, dem Austrian Institute of Technology in Wien. Wie kam es dazu?
 
Der Anfang: ein selbst gebastelter Roboter
 
1977 in der Stadt Zilina (deutsch Sillein oder Silein) geboren, studierte Branislav Micusik nach der Schule zunächst in Bratislava „Automation and Control Engineering“, ein Studiengang mit Inhalten aus der Informatik und der Automatisierungstechnik. „Ich war schon immer fasziniert von Nummern, Mathematik und Computern.
Mein Vater ist Elektro-Ingenieur und schon als Kind bombardierte ich ihn ständig mit Fragen. Er hat mich immer unterstützt und hatte schließlich einen großen Einfluss auf meine Berufswahl“, erzählt er. Das Interesse für komplexe Maschinensysteme begann schon früh: In seiner Abschlussarbeit an der Bratislaver Universität beschäftigte er sich mit mobilen Robotern und bastelte mit einem Freund ein Exemplar aus alten Materialien zusammen – der gewann sogar einen Preis.
 
Mit einer Mail ans Center of Excellence
 
Für seine Doktorarbeit ging Branislav Micusik 2001 ins benachbarte Tschechien nach Prag. Sein Ziel war, mehr über die automatische Bildanalyse zu lernen. „Ich hatte Glück“, sagt er lachend, „zufällig stieß ich auf eine der besten Gruppen im Bereich Computervision – das Center for Machine Perception, das von der Europäischen Kommission als Center of Excellence eingestuft worden ist. Ich schrieb ein Mail, wurde für ein Interview eingeladen und dann als PhD-Student angenommen.“ Nach seinem Abschluss 2004 bewarb sich Branislav Micusik erfolgreich für eine PostDoc-Stelle an der TU Wien. „Ich wollte einfach neue Erfahrungen sammeln und mehr lernen“, erklärt er knapp. „Und ich wollte einen Ortswechsel.“
 
Die kreative Luft von Steve Jobs und Bill Gates
 
Ein größerer Ortswechsel kam 2007, als Branislav Micusik als Visiting Research Scholar am Computer Science Department in Stanford angenommen wurde. Bis 2009 forschte er in den Bereichen 3D Dense Reconstruction, Quadrilateral Detection und Semantische Segmentierung von Bildern urbaner Umgebungen. „Das ist einfach ein besonderer Ort“, meint er über diese Erfahrung am Nabel des Silicon Valley, „das ist keine normale amerikanische Universität. Die Leute wissen, dass das eine einmalige Erfahrung in ihrem Leben ist, hier zu sein. Firmen wie Apple, Google und Yahoo sind hier entstanden. Das liegt einfach in der Luft, jeder, der hier forscht, könnte ein Steve Jobs oder Bill Gates werden.“
Auf die Vorteile der US-Forschungslandschaft angesprochen meint Branislav Micusik, dass sie die Kreativität der WissenschaftlerInnen mehr fördert als anderswo. „Man wird bei der Verwirklichung seiner Ideen unterstützt – auch von verrückten Ideen.“ In der EU, so der Informatiker, sei es einfach schwieriger, die Geldmittel für Projekte erst einmal über bürokratische Hürden hinweg zusammenzubekommen.
 
Wenn Computer in Bildern mehr als nur Pixel sehen könnten ...
 
Trotzdem entschloss sich Branislav Micusik 2009 zur Rückkehr nach Europa, unterstützt durch einen Interview- und Relocation Grant von brainpower austria. Seit April 2009 ist er als Senior Scientist am Safety and Security Department des AIT tätig, der größten außeruniversitären Forschungsstätte Österreichs. Derzeit arbeitet er in Wien unter anderem daran, dass es maschinell möglich wird, zu erkennen, was ein Bild zeigt. Dies wird dazu führen, dass etwa Suchmaschinen oder andere Datenverwaltungs-Systeme visuelle Informationen besser organisieren können.
Vor allem hat Branislav Micusiks Forschungsarbeit aber sicherheitstechnische Relevanz. „Gesichtserkennung, Auffinden von gesuchten Menschen, Erkennen von verdächtigem Verhalten“, zählt er auf. Wenn Maschinen so intelligent werden, dass sie die Bedeutung, die die menschliche Intelligenz Bildern beimisst, erfassen können, dann lässt diese Fähigkeit sich mit der Möglichkeit der Maschinen, Daten ungeheuer schnell zu verarbeiten, kombinieren. Beispielsweise könnte ein vom Computer erkanntes Gesicht in kürzester Zeit mit Hunderttausenden von anderen Gesichtern abgeglichen werden.
 
Arbeite ich gerade oder nicht?
 
„In Österreich gibt es viele Möglichkeiten, Mittel für Forschungsprojekte zu erhalten“, berichtet Branislav Micusik über seinen derzeitigen Arbeits- und Lebensort. „Es ist ein Land, das verstanden hat, dass Forschung und Wissenschaft sehr wichtig sind – für die Gesellschaft und für die Zukunft.“ À propos Lebensort: Was macht ein Computerexperte eigentlich in seiner Freizeit? Stimmen die Clichés? „Es stimmt schon“, gibt er zu, „mein Hobby sind Computer. Manchmal weiß ich also nicht, arbeite ich jetzt oder habe ich gerade Freizeit? Aber ich mag auch Sport – und mit meiner Frau über alles reden, was man sich vorstellen kann.“ Wenn einmal Maschinen darüber reden, was sie sich vorstellen, wird Branislav Micusiks Arbeit einen großen Schritt vorangekommen sein.

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