Austrian Science Talk 2009
„Auch in Österreich steht die Zeit nicht still“ rief Botschafter Christian Prosl in seinen Begrüßungsworten ins Bewusstsein. „Bringen Sie sich aktiv ein und informieren Sie sich“ appellierte er weiters an die über 100 TeilnehmerInnen des Austrian Science Talk 2009. Zum insgesamt sechsten Mal lud das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) im Rahmen von brainpower austria zur zentralen Netzwerkveranstaltung für österreichische ForscherInnen in Nordamerika. Die diesjährige Veranstaltung stand unter dem Motto „Under Crisis Conditions - Mit Forschung und Technologie aus der Krise“ und fand am 3.10. in New Orleans statt.

Tomorrow is better than today
Vorgestellt von Günter Bischof, Direktor des Center Austria an der University of New Orleans, folgte
Norbert Bischofberger der Einladung als Key Note Speaker. Vor 22 Jahren gründete der international erfolgreiche österreichische Forscher ein kleines Start-Up-Unternehmen in der San Francisco Bay Area: Gilead. Der Erfolg des Unternehmens kam allerdings nicht über Nacht, sondern nach 15 Jahren intensiver Forschung und Entwicklung und mehr als 1 Milliarde investierter Dollar. Was daraufhin folgte, könnte allerdings beeindruckender nicht sein: Gilead ist heute ein multinationales Unternehmen mit knapp 4.000 MitarbeiterInnen und Einnahmen im Milliarden-Dollar-Bereich, das namhafte Produkte wie Tamiflu oder Atripla auf den Markt brachte. Neben der Forschungstätigkeit führte Bischofberger den Erfolg in erster Linie auf den Unternehmergeist, den „Spirit“ zurück, der speziell in der Bay Area herrsche. Man befinde sich deshalb auch in guter Nachbarschaft und treffe dort auf Unternehmen wie Intel, Google oder Genentech. Basierend auf einem gut funktionierendem Venture Capital-System nannte er die unterschiedliche Einstellung gegenüber Risiko, die Akzeptanz des Scheiterns und das Verlangen, etwas verändern zu wollen, als die entscheidenden Unterschiede gegenüber Europa. Aber kein „Medikament“ ohne Nebenwirkungen - für die mittlerweile fast verloren gegangenen Deutschkenntnisse entschuldigte sich der gebürtige Vorarlberger gleich vorweg und bevorzugte vor dem leicht schmunzelnden, verständnisvollen Publikum seine gewohnte Sprache Englisch.
Neues aus der österreichischen Wissenschafts- und Technologiepolitik
Friedrich Faulhammer, Sektionsleiter im BMWF, und Gertraud Oberzaucher, Stabstellenleiterin und Programmverantwortliche für brainpower austria im BMVIT, gaben am Austrian Science Talk Informationen aus erster Hand. Faulhammer begrüßte, dass man heute in Österreich überhaupt von Elite und Exzellenz sprechen darf, und auch Spitze, und nicht nur Breite zählt. Wichtig als Grundlage sei, möglichst viele Personen für Forschung zu begeistern. Seitens der Universitäten bringe der Kollektivvertrag mehr Berechenbarkeit und Sicherheit für NachwuchswissenschaftlerInnen. Faulhammer hoffe nicht zuletzt dadurch, mehr wissenschaftlichen Nachwuchs an heimische Universitäten binden zu können. Gertraud Oberzaucher fasste die Ergebnisse der in Alpbach präsentierten Systemevaluierung zusammen. Prinzipiell sei man mit dem bisherigen System gut gefahren, es brauche aber nun radikale Änderungen, die in sechs Leitlinien definiert wurden. Ein wesentlicher Punkt ist das Entwickeln einer gemeinsamen Forschungsstrategie aller Ressorts. Die Auftaktsitzung zu diesem Prozess war passender Weise mit Montag nach dem Austrian Science Talk datiert. Gertraud Oberzaucher ging auch auf die bereits durchgeführte Programmevaluierung von brainpower austria ein, die generell „sehr positiv“ ausfiel. Man werde die Zeit nun nützen, das Programm weiter entwickeln und neue Themen wie Doppelkarriere (Dual Career) von Hochqualifizierten mit einbeziehen. Eines dieser neuen Themen befindet sich ganz aktuell gerade in der Startphase, nämlich das Ascina-Mentoring-Programm, dessen drei „Long-Distance-Tandems“ von brainpower austria unterstützt werden.
Beruf: ForscherIn - Karrieren in Österreich
Mit
Eva Maria Binder und
Anton Plimon waren zwei WissenschaftlerInnen vor Ort, die die Bedeutung von internationaler Erfahrung in F&E nur zu gut kennen und selbst in Forschungs-Managementpositionen in Österreich tätig sind. Das neu formierte Austrian Institute of Technology (AIT) hat gerade zur jetzigen Zeit einer Krise „ein all time high“, was die Auftragslage betrifft, berichtete Anton Plimon, Managing Director. Innovation sei der „Überlebensfaktor und Basis für Erfolg“. Für das AIT bedeutet das, dass „in den nächsten sechs Monaten rund 50 Jobs“ ausgeschrieben werden. Die größte Expansion betrifft die Bereiche Mobilität und Energie. „Wir beschäftigen rund 80 Personen im Bereich Forschung und Entwicklung“, erzählte Eva Maria Binder über ihren Arbeitgeber, die Erber AG. „Rund 65 % davon sind Frauen“. Dieses Verhältnis betreffe nicht nur die Ebene der ProjektmitarbeiterInnen, sondern auch des Projektmanagements. Auf die Frage radikaler Ansätze in der Innovation meinte Binder, dass so etwas nicht planbar sein und auf keinem seriösen strategischen Plan Platz habe. Es gehe mehr darum, Probleme zu lösen und damit gleichzeitig neue Märkte zu erschließen. Außerdem: „Kaum wer forscht primär, um den Nobelpreis zu gewinnen“. Eva Maria Binder ist Mutter zweier Töchter und in ihrer Führungsposition Teilzeit angestellt. „Die Erber AG ist ein Familienbetrieb“ und agiert vielleicht gerade deshalb besonders „beispielhaft im Bereich Work-Life-Balance“. Diese Vorbildrolle trägt bereits Früchte, denn fragt man Binders achtjährige Tochter nach ihrem Berufswunsch, dann laute die derzeitige Antwort schlicht „Chefin“.
Ein Cafe der besonderen Art
Acht Tische, 14 Tischhosts und fünf Gesprächsrunden zu je 20 Minuten: Der Nachmittag wurde für intensive Diskussion im kleinen Kreise genutzt, der Veranstaltungsraum zu einem World Cafe umgestaltet. Als Tischhosts fungierten neben den Speakern vom Vormittag noch Evelinde Grassegger (BMVIT) und Sabine Herlitschka (FFG),
Philipp Marxgut (OST) und Stefan Eichberger (FFG), Eugen Stark (Marshallplan Stiftung) bzw. Peter Nagele (Ascina). Nagele stellte in seiner Zusammenfassung fest, dass Kommunikation ein entscheidender Faktor sei. Schon in seinen Begrüßungsworten zu Beginn betonte er, dass eine solche Netzwerkveranstaltung, wie der Austrian Science Talk, keine Selbstverständlichkeit sei. An Anton Plimons Tisch ging es um konkrete Fragen zu den vielen postulierten Stellen am AIT, um Gehaltsfragen und Karriereperspektiven. Eva Maria Binder wurde an ihrem Tisch des öfteren mit Gender-Fragen konfrontiert und dem Thema potenzieller Rückkehrmöglichkeiten, wobei die Feststellung gemacht wurde, dass „der durchschnittliche Österreicher nicht unbedingt überdurchschnittlich mobil ist“. Vier große Themenkreise beschäftigten Norbert Bischofberger an seinem Tisch: Fragen zu seinem Unternehmen Gilead, Fragen zu einer ForscherInnenkarriere, das Thema der Risikobereitschaft in verschiedenen Forschungskulturen und
Work-Life-Balance.
Das zweitägige FFG-Intensiv-Training im Rahmen des Austrian Science Talk war Thema am Tisch von Evelinde Grassegger und Sabine Herlitschka, während Eugen Stark die Ideen und Programme der Marshallplan-Stiftung präsentierte und diskutierte. Friedrich Faulhammer meinte zusammenfassend, er habe viel gelernt und nehme viel mit aus der Veranstaltung. Eine Anregung war, nicht immer nur auf das amerikanische System als Role Model zu schauen, sondern vielmehr könne Kanada für Österreich interessante Vergleiche bringen. Abschließend bedankten sich Gertraud Oberzaucher und Philipp Marxgut für die rege Teilnahme. Speziell Gertraud Oberzaucher, die das Format des Austrian Science Talk von Beginn an prägte, dankte den TeilnehmerInnen für das große Interesse, die vielen konstruktiven Diskussionsbeiträge und eröffnete gleichzeitig zukunftsweisend, dass es immer Raum für Verbesserungen gebe. Und alles, was im World Cafe nicht Platz fand, wurde am Weg ins und später im pulsierenden French Quarter ausführlich weiter diskutiert.
Der Austrian Science Talk 2009 brachte wieder viele österreichische WissenschaftlerInnen und ExpertInnen aus der österreichischen Wissenschafts- und Technologieszene an einem Ort zusammen. Wie keine andere Veranstaltung knüpft der Austrian Science Talk ein Netzwerk zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Im Namen des BMVIT bedanken wir uns sehr herzlich bei allen TeilnehmerInnen für Ihr Interesse und natürlich besonders bei allen, die mitgeholfen haben, diese Veranstaltung so erfolgreich durchzuführen.
(Oktober 2009, Fotos: (c) Tracie Morris Schaefer, Studio U)