Im Portrait: Dr. Christian Retscher

Der Erdbeobachter 
 
„Eigentlich bin ich ja als Research Scientist angestellt“, beginnt Dr. Christian Retscher das Gespräch, „aber meine Arbeit für die unbemannte Raumfahrt ist sehr IT- und Engineering-lastig“. Dem Physiker, der seit 2007 für die NASA arbeitet, war schon als Kind die Theorie allein zu wenig. Und Gemächlichkeit war seine Sache auch nicht: „Schon in meiner Volksschulzeit habe ich an elektronischen Schaltungen gebastelt. Ich habe auch gespürt, dass meine spätere Arbeit wohl mal was mit Mathematik zu tun haben wird. Doch bei meinen ersten Schularbeiten bekam ich trotzdem nie gute Noten, da ich gleich die Ergebnisse ohne Herleitung notiert habe. Anscheinend war ich ein guter Kopfrechner, nur dem Lehrer war das nicht geheuer.“
 
Vom Spielcomputer ohne Spiele zur Europäischen Weltraumorganisation
 
1974 in Graz geboren, bekam auch Christian Retscher, so wie viele Heranwachsende seiner Generation, irgendwann einen C64-Heimcomputer von Commodore geschenkt. Doch im Gegensatz zu den meisten, die sich heute an ihre „Summer Games“- und „Karateka“-Zeit mit einem müden Lächeln erinnern, blieb das erste Erforschen der digitalen Welt nicht auf das Kleben am Joystick beschränkt. Da sein Vater „vergessen“ hatte, Spiele zu kaufen, programmierte er selber kleine Anwendungen. Der Liebe zu den Computern blieb er bis heute treu: Neben seiner wissenschaftlichen Laufbahn als Physiker arbeitete er als Entwickler und Trainer im IT-Bereich in den Gebieten LINUX, Datenbanken und Programmierung. Trotzdem studierte er nicht Informatik. „Im Physikunterricht haben mich die Quantenmechanik, Kosmologie und Relativitätstheorie fasziniert. Das wollte ich unbedingt näher kennen lernen“, erzählt er.
2000 schloss Christian Retscher sein Studium der Theoretischen Physik an der Universität Graz ab. Seine Dissertation, die sich mit Messungen der Stratosphäre beschäftigte, erstellte er bis 2004 sowohl in Graz als auch am CNRS (Centre National de da Recherche Scientifique) bei Paris. Bis 2007 folgten zwei PostDoc-Anstellungen, zunächst in Graz am Institut für Geophysik, Astrophysik und Meteorologie und danach bei der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) im italienischen Frascati. Beide Tätigkeiten beschäftigten sich mit Beobachtungen und Untersuchungen der Atmosphäre.
 
Von europäischer zu amerikanischer Atmosphäre
 
Im September 2007 wechselte Christian Retscher dann zwar den Kontinent, blieb aber der (Erd-)Atmosphäre treu: Als Research Scientist managt er zur Zeit bei der NASA das Aura Validation Data Center (AVDC), das dazu beiträgt, dass amerikanischen Satelliten für die Beobachtung der Erd-Atmosphäre eine breite Datenbasis zur Validierung geophysikalischer Grössen zur Verfügung steht. „Bei der NASA zu arbeiten ist selbstverständlich einzigartig, da hier Faszinierendes auf die Beine gestellt wird, etwa bei dem Human Spaceflight, bei dem Mond- oder dem Marsprogramm. Doch im Bereich Erdbeobachtung zeigt die Europäische Raumfahrtagentur, dass Europa den Amerikanern um nichts nachsteht,“ bekräftigt Christian Retscher, der für seinen Beitrag bei der Veranstaltung „T4Science Seminar“ am Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel in Graz einen Speakers Grant von brainpower austria bezog.
 
Espresso und Radfahren
 
Neben seiner Arbeit für die NASA, an der ihm auch die flache Hierarchie gefällt, verbringt Christian Retscher noch viel Zeit mit seiner Familie und betreibt leidenschaftlich gerne Ausdauersport wie Radfahren und Skifahren, „um den Kopf frei zu kriegen“. Wie das alles unter einen Hut geht?
„Typischerweise stehe ich kurz vor Sonnenaufgang auf – sechs Stunden Schlaf täglich reichen im Normalfall aus –, esse ein schnelles italienisches Frühstück mit Espresso – ein ‚Überbleibsel’ aus meiner Zeit in Italien – und fahre auf ganz unamerikanische Art mit dem Rad zur Arbeit. Nach zehn Stunden Arbeit bleiben also noch acht Stunden, die ich mit Familie, Sport, Essen, Lesen und Sozialleben verbringen kann. Zeiteinteilung ist essentiell“, betont Christian Retscher und fügt hinzu: „Zu viele Menschen verschwenden ihre Zeit mit Schrott wie Fernsehen oder Social-Networking-Tools wie Facebook und Twitter.“
 
Der Ruf Europas
 
Trotz der vielen Perspektiven, die ihm die USA bieten, wird Christian Retscher in ein paar Jahren wieder nach Europa gehen. Da ist er sich ganz sicher. Am liebsten würde er dann für die Europäische Raumfahrtagentur mit Satelliten im All die Erde beobachten. „Ich liebe Europa einfach, das Leben ist sozialer und liebenswerter, die Schulen besser und die europäische Staatengemeinschaft mit ihren vielen Kulturen und Sprachen ein sehr reizvoller Hintergrund. Trotzdem möchte ich die Erfahrung, die ich in Amerika gesammelt habe und sammeln werde, nicht missen.“
 

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