Im Portrait: Dr. Alexa Zellentin

„Laut meiner Mutter war Österreich als Kind mein absolutes Lieblingsland“ erzählt Alexa Zellentin. Schon damals vertrat sie ihre eigene Meinung sehr selbstbewusst und machte einmal auch einen Grenzsoldaten bei einem Besuch in der ehemaligen DDR darauf aufmerksam: „Zum Entsetzen meiner Eltern sagte ich ihm, dass in Österreich alles viel, viel besser sei und wir das nächste Mal dorthin fahren, anstatt unsere Zeit in der DDR zu verschwenden“. Irgendwie scheint sich dieser Gedanke manifestiert zu haben, denn im Herbst 2009 übersiedelte Alexa Zellentin mit Hilfe eines brainpower austria-Grants nach Österreich, genauer gesagt im beruflichen Konnex an das Institut für Philosophie an der Karl Franzens Universität Graz.
Die „praktische“ Philosophie
„Angeblich habe ich schon als Kleinkind in der Badewanne philosophiert“ erinnert sich Alexa Zellentin zurück. Waren es damals noch Überlegungen, dass wenn es einen lieben Gott gibt, es eigentlich ja auch einen „blöden“ Gott geben müsste, ging es zu Studienzeiten angeregt durch ein Seminar zur Situation der Juden im Kaiserreich vor allem um die Frage nach dem Umgang des Liberalismus mit kulturellen Minderheiten. „Ich kam zur Einsicht, dass das liberale Commitment zu allgemeingültigen, vernünftigen, „neutralen“ Regelungen dazu führen kann, dass Gruppen, die anders denken, als un- oder zumindest weniger vernünftig ausgegrenzt werden können. Das führte zu Fragestellungen wie: Was wäre wirklich ‚neutral’? Wie müssen öffentliche Überlegungen gestaltet sein, damit sie wirklich allen gegenüber fair sind?“ Der Begriff bzw. die Fragestellung der Neutralität begleitete Alexa Zellentin von Leipzig über Oxford bis nach Graz. Heute setzt sie sich mit einem weiteren Schwerpunktthema auseinander, nämlich Klimagerechtigkeit und Klimaflüchtlinge. „„Es geht um die Frage, was wir Migranten schuldig sind, die ihre Heimat aufgrund klimatischer Umstände verlieren, die wir zumindest mitverschuldet haben, und um Fragen, die Klimagerechtigkeit, historische Gerechtigkeit und Migrationsethik verbinden. Graz ist als ein Zentrum des interuniversitären Forschungsschwerpunkts Umwelt und Globaler Wandel der ideale Standort für diese Überlegungen.“
Europareise, Teil 1: Glasgow, Leipzig, Hamburg
Nach dem Abitur machte Alexa Zellentin ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei in Schottland und kam dabei zu zwei prägenden Erkenntnissen: „Die kleinen und scheinbar winzigen kulturellen Unterschiede führten bald zu einem anderen Lebensgefühl. Dadurch wurde mir klar, dass durch das ‚typisch deutsche‘ Vernunft- und Effizienzdenken und all den Perfektionismus viel Menschliches verloren geht. Was vielleicht am wichtigsten war: Ich merkte, dass ich mich schnell in einen Beruf einarbeiten kann und mir daher die Freiheit nehmen kann, zu studieren, was mich wirklich interessiert, ohne mir um eine spätere Berufswahl allzu große Sorgen machen zu müssen.“
Zu studieren begann die gebürtige Münchnerin in Leipzig. „Eine liebenswerte, lebendige Stadt mit vielen Leuten, die politisch wach sind und die das Gefühl vermittelten, sich die Freiheit gerade erst erkämpft zu haben, und diese - und auch ihre Ideale in Sachen sozialer Gerechtigkeit - auch vehement zu verteidigen suchten.“ An die Universität denkt sie mit gemischten Gefühlen zurück: „Die Uni war eine echte Massenuni, vor den Schaltern lange Schlangen für die Einschreibungen. Die Hörsäle und Seminarräume waren überfüllt. Aber: das Institut für Philosophie war relativ jung und sehr engagiert – auch am öffentlichen und politischen Mitdenken.“
Ein erster Tapetenwechsel führte Alexa Zellentin für zwei Semester nach Hamburg und brachte ihr letztlich eine weitere Erkenntnis ein, nämlich „wie gut und engagiert das Institut für Philosophie in Leipzig ist und warum ich dorthin wieder zurück will.“
Europareise, Teil 2: Leipzig, Oxford, Graz
Zurück in Leipzig beendete sie ihr Studium und arbeitete weiter an der Universität. „Ich begann an einem Dissertationsthema zu feilen und bewarb mich an internationalen Zentren der politischen Philosophie: z.B. Columbia, University of Chicago, London School of Economics und University of Maryland. Die Entscheidung zugunsten Oxfords fiel in erster Linie wegen des ausgezeichneten Programms in Politischer Philosophie und der berechtigten Hoffnung, dass die Forscher all der anderen spannenden Unis dort zumindest Mal zu Besuch kommen. Außerdem war ich doch noch nicht bereit das europäische Lebensgefühl aufzugeben.“ In Oxford, dem „Mekka der politischen Philosophie“ schloss Alexa Zellentin einen M.Sc. und einen D.Phil in Political Theory ab. Die Zeit in Oxford beschreibt sie mit „großartigen Möglichkeiten“, „inspirierenden Begegnungen“, „viel harter Arbeit“ aber gelegentlich auch als „einschüchternd“. Zu den bereits gewonnenen Erkenntnissen kam noch eine weitere hinzu: „Oxford ist eine der besten Unis der Welt um Theorien der Chancengleichheit zu studieren, aber in Großbritannien und gerade auch in Oxford sind Klassengrenzen - trotz aller Bemühungen, dem Ideal der Chancengleichheit gerecht zu werden - doch immer noch sehr deutlich spürbar.“ Die bisher letzte Station ihrer „Europareise“ ist Graz, wo sie zu Beginn des Wintersemesters 09/10 zu arbeiten begann.
Buffy – the Vampire Slayer & Veronica Mars
Auch wenn Alexa Zellentin mit Herz und Seele Wissenschaftlerin ist, müssen auch lange Tage über faszinierenden Büchern einmal ein Ende haben. Und das mündet nicht selten in einen gemütlichen Fernsehabend auf der Couch. „Meine Geschwister und Freunde lachen mich gern dafür aus, aber nach einem langen Tag liebe ich nichts so sehr, wie mehr oder minder seichte Fernsehunterhaltung, wenn es denn nur einen spannenden Blickwinkel darin gibt. Und ich wäre eine schlechte Philosophin, wenn ich mir nicht zumindest einen einbilden könnte“, lacht sie selbst darüber. So hat sie ‚Buffy – The Vampire Slayer‘ auf die Problematik des Bösen untersucht, ‚Firefly‘ zu Anarchie und Widerstand, ‚Veronica Mars‘ zu Geschlechterklischees und sozialen Spannungen und ihr aktuellstes „Projekt“ behandelt unterschiedliche Ideale von moralischer und ästhetischer Attraktivität in Bollywood Filmen und koreanischen Fernsehserien auf YouTube.
Eine andere Leidenschaft liegt derzeit eher auf Eis: „In meinem dritten Jahr in Oxford gab ich dem Gruppenzwang nach und probierte Mal das Rudern aus. Was soll ich sagen, ich bin absolut süchtig danach geworden. Als vernünftiger Mensch sollte man nicht wirklich traurig sein, nicht noch im November bei Sonnenaufgang bibbernd in einem Achter zu sitzen und mit steifen Fingern ein vereistes Ruder festzuhalten, aber es fehlt mir wirklich“. Vielleicht findet sich aber ja auch dazu noch ein Weg in der neuen Stadt an der Mur. Inzwischen weiß sie jedenfalls: „Das wunderbare Essen, der Wein und Zotter-Schokolade sind allerdings auch nicht zu verachten!“