Im Portrait: Dr. Ingo Forstenlechner
Als Expatriate im Orient
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Dr. Ingo Forstenlechners derzeitige Arbeit als experimentell zu bezeichnen, trifft es irgendwie nicht richtig. Immerhin lehrt und forscht der 32-jährige Österreicher an einer Universität und publiziert Studien, die veröffentlicht und diskutiert werden. Und trotzdem ist er derzeit, so sagt er selbst, “Teil eines der größten gesellschaftlichen Experimente einer Region. Da geht es um die Nationalisierung der Arbeitsplätze, ein durchaus nicht einfaches Thema.”
Arbeit, Motivation und Erdöl
Gesellschaftliches Experiment? Nationalisierung der Arbeitsplätze? Und das in Zeiten der Globalisierung? Ingo Forstenlechner ist seit 2006 Assistant Professor an der United Arab Emirates (Universität der Vereinigten Arabischen Emirate) und beschäftigt sich, vereinfacht gesagt, mit Menschen und ihrer Motivation zur Arbeit. Doch die sieht in vielen Ländern der arabischen Halbinsel aus gutem Grund etwas anders aus als in westlichen Industriestaaten: “In den VAE (Vereinigten Arabischen Emiraten) gibt es eine Bevölkerung, die bis vor knapp vierzig Jahren ein sehr, sehr hartes Leben hatte”, erklärt Ingo Forstenlechner. “Dann kam das Öl – und innerhalb kürzester Zeit hatte sich die Bevölkerung an wenig Arbeit und gutes Einkommen gewöhnt.”
Forschung und Beratung zur Emiratisierung
Die Folge davon: Viele GastarbeiterInnen strömten ins Land, nicht nur aus ärmeren Ländern, sondern auch aus den USA und Europa. Heute sind mindestens 80 Prozent der EinwohnerInnen der VAE ArbeitsmigrantInnen (auch „Expatriates” genannt). Das ist weltweit einer der höchsten AusländerInnenanteile. Doch durch die demographischen Veränderungen – die Hälfte der einheimischen Bevölkerung ist unter 20 Jahre alt – und wegen der Professionalisierung der öffentlichen Verwaltung ist es nicht länger möglich, allen Bürgern überbezahlte und ineffiziente Jobs im öffentlichen Sektor zu geben. “Hier ist es, wo ich ins Spiel komme”, sagt Forstenlechner. “Ich unterstütze die ‚Emiratisierung’, also die Integration von Bürgern der VAE in den heimischen Arbeitsmarkt, durch meine Forschung und Beratung. In einem aktuellen Forschungsprojekt geht es beispielsweise um die Einstellung zur Arbeit, um Selbstvertrauen und um die Einschätzung der eigenen Vermittelbarkeit. Und ab Februar werden wir gender-spezifische Einflüsse von Erziehung auf Karriereentscheidungen von jungen einheimischen Frauen untersuchen."
Karriere als Expatriat
Forstenlechners eigene Karriere machte ihn schon früh zum „Arbeitsmigranten“. Geboren und aufgewachsen in Linz, begann er 1998 an der Fachhochschule Eisenstadt Informations-Management zu studieren und ging zunächst für ein Jahr nach Edinburgh und von dort aus nach Frankfurt. Nach seinem Abschluss verschlug es ihn dann nach London, wo er von 2002 bis 2006 als Projektmanager in einer großen Anwaltskanzlei im Bereich Humankapital-Entwicklung arbeitete. Aber das war ihm bald zu wenig und so machte er parallel zu seinem Job noch seinen Doktor an der Cranfield University – und bekam nach kurzem Aufenthalt in Wien dann die Einladung, an die Universität der Vereinigten Arabischen Emirate zu gehen.
“Eigentlich wollte ich ursprünglich in den Oman”, verrät Forstenlechner. “Aber was den Lebensstandard und die Möglichkeiten in meinem Forschungsbereich betrifft, sind die hier einfach ein gutes Stück weiter.”
Orient und Österreich
Gemeinsam mit seiner Frau reist Ingo Forstenlechner in seiner Freizeit viel in der Region herum. Mittlerweile haben sie fast alle Länder des Nahen Ostens gesehen, aber in ein Land zieht es sie immer wieder: den benachbarten Oman mit seinen Stränden, Oasen und Wüsten, in denen man noch heute viele alte Festungen und Ruinen finden kann. Aus der Leidenschaft für dieses Land haben die beiden ein Geschäft gemacht und bieten mittlerweile geführte Reisen in den Oman an – natürlich im Rahmen eines sanften Tourismus, der die Ursprünglichkeit von Land und Leuten respektiert (
www.goldenhighlands.com). Aber sehnt sich Forstenlechner trotz soviel aufregendem Orient nicht doch manchmal nach Österreich, nach Regen und österreichischer Gemütlichkeit?
“Nein, denn ich mag die Leute, ich mag das Wetter, das Klima und das Essen. Und außerdem bin ich ja während der Semesterferien immer knapp vier Monate im Jahr in Österreich”, sagt Forstenlechner, der auch an der Fachhochschule Wien regelmäßig als Gastdozent arbeitet und nicht zuletzt durch brainpower austria den Kontakt zu seinem Heimatland hält. So war er 2008 Gewinner eines brainpower-Stipendiums für die Alpbacher Technologiegespräche und erhielt Ende November einen Speakers Grant für eine internationale Konferenz in Wien, die „ECER 2009 Theory and Evidence in European Educational Research“.
„Ich habe ein Leben in Österreich und eines in den Vereinigten Arabischen Emiraten, das finde ich sehr bereichernd”, sagt der junge Forscher. Doch dann fällt ihm doch noch etwas ein, was er in seiner neuen Heimat nicht hat. „Die beiden Dinge, die mir wirklich abgehen, sind schöne alte Architektur und Radfahren. In Österreich wohne ich in einem alten Haus mit einem 110 Jahre alten Kachelofen. Das vermisse ich wirklich.”