Im Portrait: Dr. Thomas Flatt

Dem Altern auf der Spur
 
Warum leben Fliege, Maus und Mensch unterschiedlich lange? Und wie funktioniert Alterung eigentlich? Warum altern wir überhaupt? Und warum sterben wir? Mit diesen existenziellen Fragen beschäftigt sich der Genetiker und Evolutionsbiologe Dr. Thomas Flatt, der seit 2009 Forschungsgruppenleiter an der Veterinärmedizinischen Universität Wien am Institut für Populationsgenetik ist – und seine bisherigen Forschungen zu diesem Problemkomplex haben in ihm vor allem eine Erkenntnis reifen lassen: „Die natürliche Evolution legt, salopp gesagt, keinen großen Wert auf alte Individuen. Und Nachkommen zu zeugen verringert die Lebenserwartung bei den meisten Organismen“, sagt er schmunzelnd.
 
Wenig Nachkommen = längere Lebenserwartung
 
Der Schweizer untersucht in Wien den Zusammenhang zwischen Alterung und Reproduktion. Bei vielen Organismen, inklusive Vögeln und Säugern, leben Individuen mit weniger oder gar keinen Nachkommen meist länger, aber die zugrunde liegenden Mechanismen sind weitgehend unbekannt. Genau die versucht Thomas Flatt mit seinen Forschungen aufzuklären. Besonders interessiert ihn dabei das Hormon Insulin, denn das spielt im Alterungsprozess und der Reproduktion eine große Rolle. Bisher konnte er mit seiner Arbeit nachweisen, dass das Abtöten von Keimbahnstammzellen, die zur Produktion von Eiern und Spermien führen, die Lebenserwartung verlängert und den Insulinstoffwechsel reduziert. ForschungsprobandInnen waren allerdings keine Menschen, sondern Fruchtfliegen, die sich aufgrund ihres kurzen Lebenszyklus’ von rund 40 Tagen besonders gut eignen. „Wir können einige unserer Ergebnisse auf Säuger, und wahrscheinlich auch auf Menschen, übertragen. Allerdings noch nicht ausreichend“, betont er.
 
Von Reptilien, Spinnentieren und Insekten
 
Der 1972 im schweizerischen Solothurn geborene Thomas Flatt interessierte sich schon früh für Biologie und alle Arten von Tieren. „Mein Onkel hatte einen kleinen Heimzoo mit Reptilien. Das hat mich als Kind so fasziniert, dass ich in meiner Jugend dann selbst Eidechsen, Schlangen, Spinnen, Skorpione und verschiedene Insekten gehalten und gezüchtet habe und unbedingt Zoologie studieren wollte“, erzählt er. „Meine Mutter war davon allerdings viel weniger begeistert als ich“, setzt er lachend hinzu.  
Während des Biologie-Studiums an der Universität Basel schloss er dann allerdings seinen kleinen „Heimzoo“. Einerseits aus Zeitgründen, andererseits wurde ihm klar, dass es ihm nicht nur um die Liebe zum Tier ging, sondern vor allem um die grundlegenden Fragestellungen der Evolution von Lebensformen und ihren genetischen Voraussetzungen. Doch am Ende des Studiums machte er noch einmal einen Kindheitstraum wahr: Er arbeitete für ein Jahr in einem Labor im australischen Sydney mit Eidechsen und verwendete die Ergebnisse für seinen Diplomabschluss. Für seine Doktorarbeit an der Universität Fribourg stieg er dann jedoch ganz pragmatisch auf die Fruchtfliege um: „Man kommt bei diesem kurzen Lebenszyklus mit seinen Forschungen einfach schneller vorwärts und die Fliege bietet ein ganzes Arsenal von eleganten genetischen Tricks, die für die Forschung nützlich sind“, begründet er seine damalige Entscheidung.
 
Es gibt ein unlösbares Problem – packen wir’s an
 
Nach seiner Doktorarbeit ging Thomas Flatt dann, wie so viele andere ambitionierte ForscherInnen auch, in die USA, um im Rahmen einer PostDoc-Stelle an der renommierten Brown University in der Nähe von Boston weiter zu forschen. „Mir hat es in den fünf Jahren dort sehr gut gefallen. Die Infrastruktur und die Wissenschaftskultur sind fantastisch. Besonders hat mich auch die Arbeitsmoral der Amerikaner angesprochen, diese Haltung: ‚Wir haben ein unlösbares Problem – packen wir's an’.“
 
Wien entwickelt sich zu einem „Place-to be“ der Evolutionsbiologie
 
Thomas Flatt überlegte sich durchaus, in den USA zu bleiben, gewählt hat er dann trotzdem Europa. „In Wien ist momentan in meinem Fachgebiet extrem viel los – Wien entwickelt sich zu einem der wichtigsten Zentren der Evolutionsbiologie weltweit“, lobt er die österreichische Hauptstadt, „es gibt hier eine hervorragende wissenschaftliche Community, die stark am Wachsen ist – es gibt einfach sehr viele dynamische Entwicklungsmöglichkeiten und da bin ich sehr gerne dabei.“ Das Institut für Populationsgenetik der Veterinärmedizinischen Universität Wien wurde erst 2008 gegründet und die alltägliche Arbeitssprache ist Englisch, da die meisten MitarbeiterInnen aus unterschiedlichen Ländern kommen. Nur ein Beispiel für die ambitionierte Dynamik, von der Thomas Flatt spricht.
Derzeit arbeitet er in einem durch den FWF geförderten Forschungsprojekt und ist einer der elf ForscherInnen, die im Rahmen des gerade neu gestarteten Doktorratskollegs „Population Genetics“, hochqualifizierten internationalen akademischen Nachwuchs ausbilden. Deswegen ist Thomas Flatt inzwischen auch ein sehr aktiver Jobanbieter bei brainpower austria und hat für eigene Stellenausschreibungen mithilfe von Grants mehrere ForscherInnen zu Interviews nach Wien geholt. Man könnte auch sagen: Thomas Flatt ist ein ideales Beispiel für den Schritt ‚vom Jobsucher zum Jobanbieter’.
 
Populationsgenetik meets Mikrobiologie
 
„Es war schon ein kleiner Kulturschock, aus den USA nach Europa zurückzukommen“, fügt er nach einem Moment hinzu. „In den USA ist der Umgangston nicht so steif und die Hierarchien sind nicht so stark ausgeprägt – in der Schweiz und in Österreich sind die Menschen eher verschlossener.“
Trotzdem lernte er hier an der Universität seine Lebensgefährtin kennen, eine Mikrobiologin. Nicht nur aus diesem Grund bekräftigt er zum Schluss: „Mir gefällt Wien sehr gut, wissenschaftlich wie privat - ich will hier bleiben“.
 

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