Im Portrait: Dr. Dipl.-Ing. Daniel Kiener
Klein, kleiner, Kiener

„Mich hat schon immer interessiert, was die Welt im Innersten zusammenhält, um da den Dr. Faust mal salopp zu zitieren“, sagt Dr. Daniel Kiener auf die Frage, wie man dazu kommt, sich ausgerechnet mit so winzigen Sachen wie der Mikromechanik zu befassen. Das Fachgebiet ist neben der Elektronenmikroskopie eines der Steckenpferde des jungen Wissenschaftlers, der gerade mal wieder seine Osterferien damit verbracht hat, in einem kalifornischen Labor tagelang durch ein riesiges Mikroskop zu starren, um den kleinsten Dingen auf die Spur zu kommen.
Vom Pilot zum Werkstoffwissenschaftler
Doch eigentlich wollte Daniel Kiener zunächst etwas ganz anderes werden. 1977 in Gmunden geboren, träumte er als Kind davon, Pilot zu sein. Doch während seiner Zeit beim Bundesheer erlitt er ein Knalltrauma und musste sich danach nach einer Alternative umsehen. Eine ältere Freundin von ihm studierte damals Werkstoffwissenschaft, und als er sich die Beschreibung im Studienführer durchlas, war sein Interesse geweckt. Aber was ist das überhaupt – Werkstoffwissenschaft? „Im Grunde geht es darum, den inneren Aufbau des Materials, aus dem Bauteile von der Schiene bis zum Computerchip hergestellt werden sollen, so zu modifizieren, dass später für die Anwendung ideale Eigenschaften entstehen. Man verändert das Material im Bereich der Nano- und Mikrostruktur so, dass beispielsweise die Festigkeit, die Härte, die Rostbeständigkeit oder das Gewicht beeinflusst werden können“, erklärt Daniel Kiener. Und fügt hinzu: „Und der letzte Satz im Studienführer war, dass der Bedarf an Werkstofflern bei weitem nicht gedeckt werden kann. Das war für mich auch ein gutes Argument.“ Und so studierte er von 1998 bis 2004 an der Montanuniversität Leoben, wo er 2007 schließlich auch seinen Doktor machte.
Zum Mikroskopieren nach Berkeley
Während seiner Dissertation entwickelte er eine neue Technik zur Zugprüfung von Mikrometer-Proben. Doch das war ihm auf lange Sicht nicht genug, er wollte es noch kleiner haben, mit seiner Arbeit auf die Nano-Ebene gehen. Doch das einzige Labor mit den entsprechenden Mikroskopen befand sich in den USA, im kalifornischen Berkeley. Daniel Kiener kontaktierte Prof. Andy Minor und konnte ihn von seinen Plänen überzeugen. Nach seiner Promotion in Österreich und einem halbjährigen Aufenthalt als PostDoc an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) ging er schließlich im März 2009 mit einem Schrödinger-Stipendium als Research Fellow an das National Center for Electron Microscopy in Berkeley. Bis Anfang 2010 blieb der Wissenschaftler dort und war begeistert von der amerikanischen Hochschullandschaft: „In Amerika ist ungemein mehr Geld für Forschung vorhanden. Das neueste Equipment wird einfach gekauft und als junger Forscher kann man dort viel leichter eine eigene Gruppe aufbauen und Professor werden, denn die Strukturen sind nicht so eingefahren wie hier – und es wird viel mehr zusammen gearbeitet.“
Zurück nach Leoben
Seit März 2010 ist der 32-jährige wieder zurück in Österreich – unterstützt durch einen Interview- und Relocation Grant von brainpower austria – und arbeitet am Erich-Schmid-Institut für Materialwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Leoben, wo er sich weiter mit den mechanischen Eigenschaften in kleinen Dimensionen beschäftigt. „Ich versuche, ein bis zwei Tage in der Woche an den Mikroskopen zu verbringen. Dann müssen die Daten auch noch ausgewertet werden, was wieder leicht einen Tag in Anspruch nimmt. Und irgendwann soll man dann natürlich auch noch Publikationen, Berichte, Anträge schreiben, an Konferenzen teilnehmen, Emails beantworten usw.“, beschreibt er sein voll gepacktes Forschungsleben und ergänzt: „Am liebsten würde ich eigentlich nur an den Geräten sitzen, aber leider nimmt die Schreibtischarbeit immer mehr zu.“
Der Flair des Free-Speech-Movements
Zum Ausgleich klettert er in seiner Freizeit gerne in den Bergen, was sich in der Leobener Umgebung natürlich anbietet. Doch mehrmals im Jahr zieht es ihn in die USA, denn für seine Forschungsarbeit braucht er nach wie vor die besonderen Mikroskope der Amerikaner am National Center for Electron Microscopy. „Ich bin sehr gerne in Berkeley“, sagt Kiener. „Es ist wirklich eine der liberalsten Städte, die ich kenne. Man merkt immer noch den Flair des Free-Speech-Movements, und das multikulturelle Essen ist exzellent und erschwinglich.“ Trotzdem könnte sich Daniel Kiener nur bedingt vorstellen, für immer in den USA zu leben. „Ein Nachteil ist sicher das Sozialsystem, ich bin mir nicht sicher, ob ich möchte, dass meine zukünftigen Kinder in diesem aufwachsen sollen“, begründet er ehrlich die Schattenseiten des amerikanischen (Forscher-)Traums.