Ohne Seed-Phrase sind Bitcoin im Todesfall unwiederbringlich verloren - und ohne Vorsorge kämpfen Erben monatelang mit Apple, Google und Facebook um Fotos und Daten. Was rechtlich zur Verlassenschaft gehört, welche Nachlass-Werkzeuge die Plattformen bieten und wie ein digitaler Notfallplan aussieht, der wirklich funktioniert.
Digitale Konten sind Teil der Verlassenschaft - sagt auch der OGH
Rechtlich ist die Sache in Österreich klarer, als viele glauben. Mit dem Tod gehen nach § 547 ABGB sämtliche Rechte und Pflichten auf die Erben über - Universalsukzession nennt das Erbrecht dieses Prinzip, und es macht vor Servern nicht halt. Der Oberste Gerichtshof hat in der Entscheidung 6 Ob 35/22w bestätigt, dass auch Daten in der iCloud, auf Google Drive und in sozialen Netzwerken zum digitalen Nachlass gehören.
Das Problem liegt nicht im Recht, sondern in der Praxis. Ohne Vorsorge brauchen Erben den Einantwortungsbeschluss aus dem Verlassenschaftsverfahren, müssen ihn samt Sterbeurkunde bei jeder einzelnen Plattform einreichen - auf Englisch, oft an US-Konzernadressen - und warten dann Wochen bis Monate. Bei besonders geschützten Kommunikationsdaten kann der Zugriff trotz Erbenstellung verweigert werden. Und bei einem Vermögenswert versagt selbst das Gericht: bei Kryptowährungen in Selbstverwahrung.
Krypto: Ohne Seed-Phrase hilft kein Gericht der Welt
Hier entscheidet die Verwahrform über alles.
Coins auf einer Börse (Bitpanda, Coinbase und Co): Der Nutzungsvertrag ist vererblich, seriöse Anbieter haben Todesfall-Prozesse. Erben legen Sterbeurkunde und Einantwortungsbeschluss vor und bekommen Zugriff auf das Guthaben. Mühsam, aber lösbar.
Coins in der eigenen Wallet: Hier gibt es keinen Anbieter, der helfen könnte. Wer die Seed-Phrase - die 12 oder 24 Wörter zur Wiederherstellung - nicht kennt, kommt an die Coins nie heran. Nicht die Erben, nicht der Notar, nicht das Gericht. Die Bestände bleiben für immer auf der Blockchain sichtbar und für immer unerreichbar. Schätzungen gehen davon aus, dass bereits Millionen Bitcoin genau so verloren gegangen sind.
Die Konsequenz: Wer Krypto besitzt, muss die Zugangsdaten so hinterlegen, dass Erben sie finden - aber niemand sonst. Bewährt hat sich die Kombination aus Hardware-Wallet plus physisch verwahrter Seed-Phrase an einem Ort, den das Testament benennt, ohne die Wörter selbst zu enthalten: ein Bankschließfach, ein Safe, eine Hinterlegung beim Notar. Denn das Testament wird im Verlassenschaftsverfahren mehreren Beteiligten zugänglich - Passwörter und Seed-Phrases haben darin nichts verloren.
Steuerlich übrigens entspannt: Österreich kennt seit 2008 keine Erbschaftssteuer. Erben übernehmen die Coins samt den historischen Anschaffungswerten; erst ein späterer Verkauf löst die reguläre Krypto-Besteuerung aus.
Die Nachlass-Werkzeuge der großen Plattformen
Alle großen Anbieter haben inzwischen Vorsorge-Funktionen - sie sind kostenlos, in wenigen Minuten eingerichtet und ersparen den Angehörigen den Rechtsweg:
| Plattform | Werkzeug | Was Erben bekommen |
|---|---|---|
| Apple | Nachlasskontakt (bis zu 5 Personen) | iCloud-Daten wie Fotos und Notizen gegen Zugangsschlüssel + Sterbeurkunde; keine Passwörter, keine Zahlungsdaten |
| Kontoinaktivitäts-Manager | Nach 3 bis 18 Monaten Inaktivität: Nachricht oder Zugriff auf gewählte Daten (Gmail, Drive, Fotos) | |
| Facebook/Instagram | Gedenkzustand + Legacy Contact | Profilverwaltung im Gedenkzustand oder Löschung; keine privaten Nachrichten |
| keines | Chats sind Ende-zu-Ende-verschlüsselt; Konto wird nach 120 Tagen ohne Login gelöscht - nur lokale Backups bleiben |
Der Google-Manager ist das stärkste dieser Werkzeuge, weil er ohne Zutun der Erben auslöst. Der Apple-Nachlasskontakt erzeugt einen Zugangsschlüssel, den die benannte Person aufbewahren muss - ohne diesen Schlüssel gilt wieder der lange Amtsweg.
Der digitale Notfallplan in vier Schritten
Aus der Beratungspraxis von Notaren und der Empfehlung von saferinternet.at lässt sich ein Vorgehen destillieren, das einen Nachmittag kostet:
- Inventar erstellen. Eine Liste aller Konten mit Vermögens- oder Erinnerungswert: Bankkonten und Depots, Krypto-Börsen und Wallets, E-Mail, Cloud-Speicher, Social Media, PayPal, laufende Abos und Domains. Ohne diese Liste wissen Erben nicht einmal, wonach sie suchen sollen.
- Passwort-Manager mit Notfallzugriff einrichten. Programme wie Bitwarden oder 1Password erlauben es, einer Vertrauensperson einen zeitverzögerten Notfallzugriff einzuräumen. Ein einziges gut verwahrtes Master-Passwort ersetzt hundert Zettel.
- Plattform-Werkzeuge aktivieren. Apple-Nachlasskontakt, Google-Inaktivitätsmanager, Facebook-Legacy-Contact - einmal durchklicken.
- Anweisungen schriftlich festhalten. Ein Dokument im Safe oder beim Notar: wo das Inventar liegt, wo die Seed-Phrase, wer Notfallkontakt ist, was gelöscht und was erhalten werden soll. Im Testament nur der Verweis auf den Aufbewahrungsort - nie die Zugangsdaten selbst.
Wichtig ist auch, was Sie nicht tun sollten: Angehörigen einfach die Login-Daten geben und auf Weiterverwendung nach dem Tod hoffen. Wer sich nach dem Todesfall mit fremden Zugangsdaten einloggt, verstößt gegen die Nutzungsbedingungen und bewegt sich rechtlich auf dünnem Eis - besonders, wenn es mehrere Erben gibt und einer allein auf Konten zugreift.
Was ohne jede Vorsorge passiert
Der Vollständigkeit halber das Szenario, das Sie vermeiden wollen: Das E-Mail-Konto, der Schlüssel zu fast allen anderen Diensten, bleibt gesperrt. Abos buchen weiter ab, bis jemand sie mühsam einzeln kündigt. Fotos von zehn Jahren Familienleben liegen in einer iCloud, an die niemand herankommt. Das WhatsApp-Konto löscht sich nach 120 Tagen von selbst, mit allen Chats. Und ein eventuelles Krypto-Vermögen existiert weiter - nur eben für niemanden.
Verglichen damit ist der Nachmittag Aufwand für den Notfallplan die vielleicht beste Rendite, die es im Finanzbereich gibt.
Häufige Fragen zum digitalen Nachlass
Erben meine Angehörigen automatisch meine Online-Konten?
Rechtlich ja - digitale Konten und Daten gehören zur Verlassenschaft. Praktisch brauchen Erben ohne Vorsorge den Einantwortungsbeschluss und müssen jeden Anbieter einzeln kontaktieren.
Dürfen Passwörter ins Testament?
Nein. Das Testament wird im Verlassenschaftsverfahren mehreren Personen zugänglich. Ins Testament gehört nur der Hinweis, wo die Zugangsdaten sicher verwahrt sind.
Was passiert mit Bitcoin, wenn niemand die Seed-Phrase kennt?
Sie sind unwiederbringlich verloren. Es gibt keinen Anbieter, kein Gericht und keine Technik, die eine eigene Wallet ohne Seed-Phrase öffnen kann.
Fällt auf geerbte Kryptowährungen Steuer an?
Eine Erbschaftssteuer gibt es in Österreich seit 2008 nicht. Erst wenn die Erben verkaufen, greift die normale Besteuerung - mit den Anschaffungswerten des Verstorbenen.
Können Erben WhatsApp-Chats lesen?
Nur, wenn ein lokales Backup am Gerät oder in einer zugänglichen Cloud existiert. Auf den Servern liegen die Chats verschlüsselt nicht vor, das Konto löscht sich nach 120 Tagen Inaktivität.
Wer hilft bei der Regelung des digitalen Nachlasses?
Jedes Notariat - die Erstberatung zur Vorsorge ist vielerorts kostenlos. Für die technische Seite reichen Passwort-Manager mit Notfallzugriff und die Nachlass-Funktionen der Plattformen.
Stand: Juli 2026